Nordfront, Lettland, Kriegsende 1944 ÷ 1946

Walther ZAWODSKY

Am 21. 9. 44 habe ich Wien vom Nordbahnhof aus verlassen. Heute gibt es keinen Nordbahnhof mehr; er ist den amerikanischen Bomben zum Opfer gefallen. Er war ein architektonisches Baujuwel im Neugotischen Stil. Zu meinem Abschied war mein Clan am Bahnhof versammelt, denn es konnte ja keiner wissen, ob ich als zukünftiger Doyen unseres Clans den Krieg überstehen werde.

Der Zug hat sich um 10:15 nach Berlin in Bewegung gesetzt. Allerdings sehr langsam, weil eben Dampflokomotiven nicht schneller anfahren konnten. Elektrifiziert war damals die ganze Strecke noch lange nicht. Die Fahrt ging über Glatz und Breslau nach Berlin Bhf. Friedrichstrasse. Bis Breslau bin ich am Gang gestanden. Erst dann wurde bis Berlin ein Fensterplatz frei. Nach 7 Stunden bin ich in Berlin angekommen.

Da ich noch etwas Zeit hatte ging ich zu einem mir bekannten Gasthaus in der Alten Schönhausenstrasse, in der Hoffnung, dass das Lokal nicht inzwischen von Bomben getroffen wurde. Es stand noch da und hatte auch noch das Schultheissbier vom Fass. Nach dem Essen ging ich zum Stettiner Bahnhof wo um 20:50 mein Zug nach Stettin ging.

In Stettin bin ich um 23:36 angekommen. Alles war schon geschlossen. So über-nachtete ich im Keller einer Bombenruine. Hier war ich nicht allein. Es wohnten eine Menge Ratten im Keller. Angst oder Ekel kannte ich nicht, da ich als Kind selbst Mäuse gezüchtet habe und diese kleinen Nagetiere gut kenne. Ratten sind hochintelligente und saubere Tiere, die sofort wissen ob jemand für sie ein Freund oder Feind ist. Es dauerte nicht lange und sie schlüpften unter meine Decke. Sie wollten nichts anderes als nur die Wärme meines Körpers spüren, denn in der Nacht war es schon sehr kalt. Sie haben mich nur beschnuppert und waren über das warme Quartier froh. Am Morgen waren alle wieder verschwunden.

Freitag den 22. 9. 44 wurde ich um 9 Uhr mit anderen Soldaten, die auch mit einem Schiff nach Riga gebracht werden sollten, mit einem Sonderwagen in das Lager Krekow gebracht. Bei der Neuordnung der Sanitäts Truppe wurde ich als 1 A Schreiber eingeteilt, um Listen der neuen Einheit zu erstellen. Abends bin ich in die Stadt essen gegangen. Von Stettin hatte ich noch nichts gesehen.

Samstag 23. 9. 44 Stettin. Wieder Listen schreiben müssen. Am Nachmittag eine Flasche Süsswein und 10 Zigaretten bekommen. Nicht ausgegangen und zeitig niedergelegt.

Sonntag 24. 9. 44 Stettin. Heute ist mein 23. Geburtstag. Brief nach Hause geschrieben. Mit Hummel und Wohlfahrt eine Hafenrundfahrt gemacht. Mehrere ehemals britische Frachtschiffe im Dock gelegen. Um 21 Uhr 15 wieder in der Barake gewesen.

Montag 25. 9. 44 Stettin. Neue Listen für Erkennungsmarken erstellt. Für mich war höchste Zeit etwas von der Stadt zusehen, bevor wir mit einem Schiff weiter nach Osten gebracht werden. Stettin ist eine Hafenstadt an der Mündung der Oder ins Stettiner Haff und die Hauptstadt von Pommern. Stettin hat ca. 310. 000 Einwohner und ist eine Universitätsstadt. Die Stadt hat eine grosse Ähnlichkeit im Baustil mit den an der Ostseeküste gelegenen Städte, wie Rostock,Stralsund oder Danzig. 26. 9. 44 Stettin. Sauwetter, sehr kalt. Viel zu tun. Abends im Cafe. Mittwoch 27. 9. 44 Stettin. Nachtmahl in der „Alten Wache“ gegessen.

Do. 28. 9. 44 Stettin. Wir haben erfahren, dass es bald nach Osten abgehen soll. Fr. 29. 9. 44 Abends noch in der Stadt gegessen.

Samstag 30. 9. 44 Stettin/Lager Krekow. 5 Uhr 30 Weckruf. Sachen gepackt. 15 Uhr 30 in Güterwagen zum Hafen gebracht worden. An Bord auf See. Schiff hat sich Richtung Danzig in Bewegung gesetzt.

Sonntag 1. 10. 44. Um 10 Uhr im Hafen von Danzig angekommen. Sofort in die Stadt gegängen. Ungeachtet des Zeitmangels habe ich nicht verzichten können noch vorher die historischen Bauten der Stadt zu sehen. An erster Stelle stand bei mir das alte Krantor, dann die gotische Marienkirche, das historische Rathaus, den Artushof und die schönen alten Backsteinhäuser aus der Zeit des Deutschen Ritterordens. Von der Besichtigung müde geworden, bin ich abends in ein altertümliches Restaurant essen gegangen. Dort liess ich mir von einem Zithernspieler Wiener Lieder vorspielen.

Montag 2. 10. 44 Um 14 Uhr an Bord der „Tanga“ gegangen. Die Tanga–war nach Auskunft eines Matrosen, der ein Indio gewesen sein dürfte, ein Frachtschiff aus Mittelamerika, welches fast ausschliesslich Bananen nach Europa gebracht hat. Ich habe beim einladen der Soldaten zugesehen. Mit einem Kran am Schiff wurden mit einer plattform cirka 60 Mann in den Bauch des Schiffes verladen. In den einzelnen Frachträumen der Schiffsetagen gab es weder Sitzgelegenheiten noch Aborte. Wozu auch? Bananen mussten weder sitzen noch mussten sie wohin gehen. Wer aber gehen wollte, der musste über eine Eisenleiter bis hinauf auf das Deck kommen. Dort gab es an der Reling einen Abort, der regelmässig mit Meerwasser bespült wurde. Wehe dem, der gerade darauf gesessen ist.

Ich bin am Deck geblieben und habe mich mit Schnaps warm gehalten. Um 21 Uhr ist die Tanga ausgelaufen, aber nach kurzer Zeit auf See vor Gotenhafen (heute Gdingen) vor Anker gegangen.

Dienstag 3. 10. 44. Auf See gestanden und gewartet bis der Geleitzug zusammengestellt war. Interessant war für mich die grossen Schlachtschiffe „Prinz Eugen“, „Lützow“, „Nürnberg“ und die „Cap Ancona“ aus nächster Nähe zu sehen. Abseits lag die „Schleswig Holstein“. Dann setzte sich unser Geleitzug in Bewegung. Um 11 Uhr sind wir am Leuchtschiff „Seedienst Ostpreussen“ vorbeigefahren.

Mittwoch 4. 10. 44. Auf See. Starker Seegang. Krankmeldung wegen Halsentzündung und Schluckbeschwerden. Das Wetter ist klar, aber sehrstürmisch. Ich habe lange durchgehalten, aber mir war so elend, dass ich über Bord erbrechen musste.

Unser Geleitzug stand ja still, aber die Wellen haben unsere Schiffe bis zu 7 m hochgehoben, sodass wir von unseren Frachtschiffen die neben uns gelegen sind oft nichts mehr gesehen haben, wenn sie in einem Wellental verschwunden sind. Das war also die „friedliche“ Ostsee. Ich war froh nicht an der Nordseeküste gelegen zu sein. Aber nach einem Jahr in der Kriegsgefangenschaft in Ostfriesland habe ich auch die Nordsee kennengelernt. Hier heisst es die Nordsee ist eine Mordsee. Ein alter Seemann zeigte mir eine uralte Landkarte der Nordseeküste von Friesland. Da standen in der Nordsee, rot gedruckt mit Jahreszahl die Namen von Orten. Ich fragte den alten Seebär, was das zu bedeuten hat. Der sagte mir: „Jung dat sin de Namen und Jahreszahlen unserer Orte die sich der „Blanke Hans“ (das ist die Nordsee) geholt hat. Und heute hören wir noch bei Sturm aus der Woderkannt die Glocken läuten“.

Inzwischen konnten wir in den Hafen von Riga einlaufen.

Donnerstag 5. 10. 44 Riga 7 Uhr früh. In der Sünderstrasse haben wir Unterkunft gefunden. In der Nacht hatte ich Telefondienst.

Freitag 6. 10. 44 Riga. Bin stark erkältet.

Samstag 7. 10. 44. Riga. Päckchen für zu Hause gemacht und zur Hauptpost getragen. Vor dem Eingang war ein Fuchs an der Kette, den alle geliebt haben und der sich auch streicheln liess. In unserer Unterkunft wurde mir mitgeteilt. dass ich zur 389. Infanteriedivision zugeteilt wurde. Meine Papiere geordnet. Von 22 Uhr 30 bis 24 Ur 15 Telefondienst.

Sonntag 8. 10. 44. Riga. 6 Uhr 05 marschbereit im Hof angetreten. Da habe ich erfahren, dass Riga binnen 48 Stunden geräumt werden soll. Wir müssen so schnell wie möglich die Stadt verlassen um über die Düna zu kommen. Dort soll angeblich unsere Dienststelle sein. Über der Düna ging es 5 km flussaufwärts. Am Weg gab es eine sehr gefährliche Rauferei unter russischen Kosaken der Wlassow Armee. Die auf unserer Seite gekämpft haben. Es war ein Glück, dass die jungen Kosaken so besoffen waren, dass sie keinen ihrer Leute getroffen haben. Das wird mir in Erinnerung bleiben. An Tapferkeit waren die russischen Kosaken das, was auf unserer Seite die Waffen–SS war. Wir mussten nach vor marschieren, wo alles zurück rannte. Man hörte schon das Gewehrfeuer der Infanterie. Also die Front ist schon sehr nahe gekommen. Angriffe russischer Tiefflieger. In einer leerstehenden Villa Quartier bezogen und Bratkartoffel gemacht.

Montag 9. 10. 44. Auf Rückmarsch. In der neuen Unterkunft stand stand ein amerikanisches Harmonium. Ein Kamerad spielte den „Brautmarsch“ aus Lohengrin. Trotz des Dröhnens der Arti llerie vergas man kurz den harten Krieg. Schwer wurde mir zu Mute. Als „Stille Nacht“ und „Oh du fröhliche Weihnachtszeit“ gespielt wurde.

Zwei Weihnachten in der Freme und wo werde ich heuer zu Weihnachten sein? Werde ich noch leben ? Gott wird es wissen. Am Weitermarsch rollende Angriffe der stark überlegenen russischen Tiefflieger. Um 11 Uhr Ankunft bei IV B (Divisionsarzt). Inzwischen wieder mehrere Luftangriffe. Nach langer Zeit wieder gutes, warmes Essen bekommen. Wurden zum Bahnhof Jaunpils zurückgebracht. Konnten aber mit dem letzten Zug noch mitfahren. Am Bahnhof war alles zur Sprengung vorberetet. In einer Stunde soll der Bahnhof in die Luft gehen. Hinter uns fuhr schon der Schwellenpflug. Er riss die Schwellen in der Mitte wie Streichhölzer auseinander. Gezogen wurde er von einer schweren Lokomotive. 13 Uhr 50 sind wir abgefahren. Am Weg wurden Sprengsätze mit Verzögerungszündernn abgeworfen. Angriff russ. Tiefflieger. Abschuss einer Maschine. Fussmarsch zur Sanitätskomp. Nr. 389. In der Dämmerung unsere Einheit gefunden. Am Fussboden schlecht geschlafen. Zweimal Fliegeralarm. Schwere Angriffe. Die Fenster wurden aufgerissen.

Dienstag 10. 10. 44. Riga. Um 4 Uhr aufgestanden. Mit einem Bus über die Düna gefahren. Neues Quartier in einem Lazarett bezogen. In der Nacht wieder schwerer Luftangriff auf Riga.

Mitwoch 11. 10. 44. Riga. OKW Bericht teilt mit, dass wir eingekesselt sind. 2. Untersuchung durch den Divisionsarzt. Es wurde jeder gefragt, wo er schon im Kampfeinsatz war. Abends Verwundete eingetroffen Zimmer wurden geräumt und Strohsäcke zum füllenabgegeben.

Donnerstag 12. 10. 44 Riga. Der Divisionsarzt hielt eine Rede über den hervorragenden Einsatz der Division und gleichzeitig sprach er von der Vorbereitung zum Rückzug. Wir bekamen ein gutes Mittagessen, und mussten auf den Rückmarschbefehl warten.

Mit 6 Mann mussten wir noch schnell einen Toten beerdigen. Dann kam noch ein schwerer Luftangriff. Ein Lastwagen ist vorbei gekommen und hat noch Marketenderwaren im Fahren abgeworfen. Um 17 Uhr war Abmarsch. Ich war Beifahrer auf einem Panjewagen und auch teilweise Kuhtreiber. Die Kühe haben uns mit ihrer Milch die verpflegung aufgebessert. Es war schon Nacht geworden und wir mussten noch vor Tagesanbruch Mitau erreichen. Wir hatten keine Landkarten und haben nicht einmal gewusst in welche Richtung wir fahren sollen. Alex der Kutscher ist total besoffen hinten am Wagen gelegen und hat geschlafen. Er war nicht ansprechbar. So musste ich als Kutscher mit unserem Pferdewagen den Tross anführen. Mir war schon alles egal ob wir nach Mitau kommen oder nicht.

Freitag 13. 10. 44. Mit dem Tross auf der Suche nach unserer Kompanie. Kurze Rast gemacht. Pferde und Kühe mit Heu und Wasser versorgt. Sind auf eine Hauptrollbahn Richtung Riga Strand gekommen. Trotz des Verbotes vom Strassenommandanten liess ich den Tross in der rechten Spur weiterfahren. So sind wir dann bis Riga Strand gekommen. Ankunft um 10 Uhr. Der Tros musste allein weiterfahren. Wir bekamen ein e n Bus zug e wie sen , der so f ort mit uns weite r f uhr. In einer Villa im Kiefernwald am ostseestrand haben wir unser Quartier aufgeschlagen. Wir hatten einige Zimmerlbelegt. Neben uns hatten sich einige Offiziere in den restlichen Zimmern einquartiert. Diese Herren waren schon ziemlich besoffen, als sie es sich im Nebenzimmer mit lettischen Damen gemütlich machten. Es begann eine grosse Sauferei mit mit Sekt, dem auch die Damen sehr zugeneigt waren. Jedenfalls dauerte es nicht lange, dass den Damen so heiss geworden ist, dass sie sich ihrer Kleider entledigten. Da auch den Offizieren heiss wurde verzichteten sie auf ihre Reithosen und standen dann in ihren langen Unterhosen da. Ein Bild für Götter! Ich musste mir sagen, dass mir die Damen ohne Wäsche besser gefallen haben, als die Herrn Offiziere in langen Unterhosen. Wir haben im seIben Zimmer diesem Vergnügen der Damen und Herren Offiziere, die alle so besoffen waren, dass sie uns gar nicht bemerkt haben, bis in die Morgenstunden zugesehen. Hauptsache für die Damen war, dass sie das von den Herren bekommen haben wofür sie mitgenommen wurden. Mir hat das Ganze besser gefallen, als ein alter Heimatfilm in einem Vorstadtkino. Da die anstrengende Arbeit der Gesellschat sehr müde macht, haben dann alle fest geschlafen. So nützten wir den Tiefschlaf und haben den restlichen Sekt der Herrschaften auf ihr Wohl ausgetrunken.

Samstag 14. 10. 44. Rigastrand. Haben wieder unsere Sachen gepackt. Es soll nach Libau gehen, wo unsere Division einen Durchbruch machen soll. Da sich wegen des Aufbruchs weiter nichts getan hat, bin ich in die ostsee schwimmen gegangen. Ich hörte dann, dass unser Divisionsarzt mit dem Auto verun–glückt sein soll. Näheres war nicht zu erfahren. Jedenfalls habe ich ihn nie wieder gesehen. Um 7 Uhr abends war es am Strand so schön, doch ich war zu müde ins Wasser zu gehen und habe mich niedergelegt. Nach einer Stunde war plötzlich Aufbruch. Mit Bus 45 km gefahren und dazwischen lange Zeit in der Kälte gestanden.

Sonntag 15. 10. 44. Rückzug nach Parvini. Ein grosses Bauerngehöft bezogen. Abends mit 4 Mann in einer Saunahütte übernachtet.

Montag 16. 10. 44. Pavini. Um 7 Uhr aufgestanden. Ununterbrochen war russisches Feuer aus Richtung Mitau zu hören. Bei lettischen Flüchtlingen Zeitschriften angesehen. Dann wieder Wache gehabt.

Diensttag 17. 10. 44. Pavini. Sind in den Wald übersiedelt, da mehr als 400 Flüchtlinge gekommen sind. Guten Rinderbraten bekommen. Abends wieder in Saunahütte übersiedelt.

Mittwoch 18. 10. 44. Pavini. Um 12 Uhr mit Bus 25 km weiter westlich auf grossen Gutshof übersiedelt. Quartier in einer Scheune mit Heu. Abends noch Ausgabe von Rindfleisch–Konserven und 12 Zigaretten.

Donnerstag 19. 10. 44. Endlich wieder sauber uns waschen können, rasieren und Zähne putzen. Wieder gegen Fleckfieber geimpft worden.

Freitag 20. 10. 44. Wurde in der Früh zum 3. Zug versetzt. Mit Verpflegungsgespann zu Fuss zum 12 km vorgeschobenen Hauptverbandplatz marschiert, da der Wagen voll beladen war. Ankunft um 11 Uhr. Kein Zugführer zu finden. Also Meldung beim Kompaniechef, einem sehr unfreundlichen und mir unsympatischen Menschen. Er war ein arroganter Preusse. Ich dachte mir nur: Na warte, auch du wirst eines Tages zu mir kommen und eine Spritze wollen; und sollte die Nadel stumpf gewesen sein, dann kann ich für die Firma, die das hergestellt hat nicht garantieren. Sollte er aber zusammenzucken, dann frage ich ihn, ob er sich nicht zusammenreissen kann, wo er doch offizier ist. Als Sanitätsdienstgrad unterstehe ich nicht ihm, sondern nur dem Divisionsarzt. Inzwischen ist ein Autobus, der Verwundete bringen sollte, umgefallen. Alle liefen zusammen, um den Bus aufzustellen, um die Verwundeten heraus zu bekommen. Der Kompaniechef stand dabei und schaute zu. Da war für für mich der Augenblick gekommen ihn meine Meinung zu sagen. „Ja, was stehen sie da herum und schauen den anderen zu wie sie sich bemühen, anstatt mitzuhelfen die Verwundeten zu bergen. Ich werde sie dem Divisionsarzt melden, der sie vielleicht wegen verweigerter Hilfeleistung hinter Gittern zum Nachdenken zwingen wird. Er sprang sofort ein und half die Verwunderten zu bergen. Was ich aber niemals vermutet hätte, kam er zu mir, entschuldigte sich und meinte, dass sein Schock ihn fast gellähmt hat Ich konnte ihn verstehen, da ich Schlimmeres erleben musste. Ich sagte ihm, dass er alles vergessen soll. Er gab mir seine Hand.

Nachdem die Verwundeten versorgt waren, war der Tag für mich noch lange nicht vorbei. Zweimal musste ich mit einem Pferdefuhrwerk noch Wasser holen. Das Wasser war voll Frösche. Also sammelte ich alle Frösche in einem Eimer und brachte sie dorthin zurück, wo ich sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Es war ja ihre Heimat, die ich ihnen geraubt hatte. Um 1/22 Uhr morgens wurden 7 Verwundete gebracht,die ich noch versorgen musste. Der Ort wo wir waren hiess Kloni. Es war 4 Uhr früh als ich mich niederlegen konnte.

Samstag 21. 10. 44. Kloni. Nach 2 Stunden musste ich um 6 Uhr früh aufstehen, da ein toter gebracht wurde. Die Wertsachen mussten abgenomme werden solange keine Totenstarre eigetreten ist. Nachlässe musste ich noch bearbeiten. Mit katholischem Priester 2 Tote eingesegnet und begraben. Die Einsegnungen wurden bei uns von jenen Geistlichen vorgenommen, die gerade Dienst hatten. Es war egal ob ein evangelischer oder katholischer Priester greifbar war, denn wir trugen alle die gleiche Uniform, nur hatten meine Kameraden ein Kreuz am Kragen. Wenn aber keiner erreichbar war, dann habe ich die Vertretung des Priesters übernehmen müssen. Ich habe dann als Laie die Einsegnung übernommen und Worte des Gedenkens zu unserem obersten Chef im Himmel gesandt. Ich war davon überzeugt, dass er auch meine worte angenommen hat. Wenn es mir zeit– und dienstmässig möglich war, dann habe ich Sterbende hinüberbegleitet. Für mich war es eine erfüllte Aufgabe zu sehen wie diese tötlich Verwunderten mit einem ruhigen, zufriedenen, Ausdruck im Gesicht in ein besseres Jenseits hinüber gegangen sind. Eine leichte Aufgabe ist es für mich nicht gewesen. Am Nachmittag habe ich noch Lagepläne gezeichnet um den Angehörigen der gefallenen Kameraden als Trost zu zeigen, wo ihr Angehöriger einen würdigen Platz für die Stätte seiner letzten Ruhe gefunden hat.

Sonntag 22. 10. 44 Kloni (Lettland). Nachlässe bearbeitet. Medikamente sortiert. Zum Abendessen gab es zusatzlich eine Wurst. Von 20 Uhr 30 bis 23 Uhr hatte ich Wache. Die Nacht war eiskalt .

Montag 23. 10. 44. Kloni. Blutiges Stroh verbrannt. Wasser mit Panjewagen geholt. Nachmittags MG Stellung gebaut. In unserer Unterkunft unter dem Tisch geschlafen.

Dienstag 24. 10. 44. Kloni. Einer der neu Eingelieferten ist in der Nacht gestorben: Am Nachmittag vom Acker die restlichen Kartoffeln ausgenommen. Päckchen für zuhause gemacht. Beim Zahnarzt auf einer Trage übernachtet.

Mittwoch 25. 10. 44. Kloni. Von 1 Uhr 30 bis 3 Uhr 45 hatte ich Wache. Vormittag vor der Unterkuft Ordnung gemacht. In der Holzglut Kartoffeln gebraten. Nchmittags am Feld Kartoffeln ausgenommen. Plötzlich hiess es –Arbeit einstellen – es geht ab.

Donnerstag 26. 10. 44. Aufbruch von Kloni nach Jaunpils. Es war 5 Uhr früh, als wir in einer Schule eigezogen sind. Abends wurden Schubertlieder gesungen. Um 17 Uhr hat alles geschlafen.

Freitag 27. 10. 44. Jaunpils. 7 Uhr Wecken. Schweres Artilleriefeuer. Grosse russische Bomberverbände über uns hinweg geflogen. Von der Schule ins Schloss übersiedelt.

Samstag 28. 10. 44. Mit Obergefreiten Vater das Licht im neuen Operationsraum eingeleitet. Das Schloss hat 2 m dicke Mauern und schwere Eichenholz Türen. Es gab Tennisplätze und wir hatten sogar Fliesswasser. In der OP Gruppe fand ich zwei Kumpels aus Berlin, Gottschalk und Schöne, die. mit mir in Wien in der selben Kompanie waren. Der Vierte in unserer Gemelnschat war Kurt von Tenner–Teichner, von dem wir leider nichts mehr gehört haben.

Sonntag 29. 10. 44. Jaunpils. 7 Uhr wecken. 8 Uhr Antreten. Es wurde mitgeteilt, dass wir Jaunpils noch abends verlassen müssen. Habe noch Briefe geschrieben. Vorher noch ein Buch von Heinrich Spörl fertig gelesen. Um 19 Uhr wurde abgerückt. Es ging Richtung Süden zur Front. Zirka 45 km mit Bus gefahren. Panzerdurchbruch. Mussten im Bus die Nacht verbringen.

Montag 30. 10. 44 Dauernde Bombenangriffe auf uns. Um 2 Uhr früh 2 km nach hinten abgerückt. Im eiskalten Bus wieder Übernachten müssen. Am Morgen schwerstes Feuer der Stalinorgeln. 2 Mann tot eingeliefert worden. Sofort Nachlässe gemacht. Munition in Sicherheit gebracht. 11 Uhr 45 schweres Bombardement. Wir befanden uns im ort Kerklini. Ein Grossteil unserer Wagen wurden beschädigt. Fortgesetzte Tiefangriffe. Bunker getroffen. Jelinek ist versprengt und findet unsere Einheit nicht. Panzergranaten schlagen ein. Verwundete alle weggebracht. Klares Wetter. Mein Koffer am Transportwagen wurde von einem Explosivgeschoss getroffen. Alles ist hin. 3 Mann sind gestorben.

Dienstag 31. 10. 44. Kerklini. In der Früh ein Toter. Um 8 Uhr alles verladen. Einen Mann aus Seyring getroffen, der meine Schulkollegin von der Handelsakademie, Traudl, her kennt. Um 12 Uhr nach Bulduri, welches 6 km entfernt ist, abgerückt. Im Pferdestall geschlafen.

Mittwoch 1. 11. 44. Bulduri. 1 bis 3 Wache. 5 Uhr Wecken. Einer ist gestorben. Nachmittag mit einem 2. ein Grab geschaufelt und die Leiche beerdigt. Waffen an die 544. Division abgeliefert.

Donnerstag 2. 11. 44. Bulduri. Gelände gesäubert, Bratkartoffel gemacht. Konnten nicht in unseren Bunker gehen, da von einem Militärgericht Selbstverstümmler vor ihrer Hinrichtung noch vernommen wurden. 2 Gefallene sehr spät eingeliefert worden.

Freitag 3. 11. 44: Bulduri. Von 2 bis 6 Wache gehabt. Morgens Grab geschaufelt und die 2 Toten vom Vortag beerdigt. Mittags fettes Jungschweinernes gegessen. Abends wieder einer gestorben. Briefe geschrieben.

Samstag 4. 11. 44. Bulduri. Von 2 bis 4 Wache gehabt. Artilleriebeschuss.Mit unserem Elektrofachmann Ogefr. Vater Grab geschaufelt und den Toten vom Vortag beerdigt. Da kein Priester greifbar war habe ich die weitere Zeremonie übernommen. Zu Mittag gebratene Leber mir gemacht. Einen jungen Leutnant aus Graz bekommen, der auch, so wie ich, an der Handelsakademie studiert und maturiert hat. Abends wieder einer gestorben. Kartenskizzen für den Rückmarsch gezeichnet.

Sonntag 5. 11. 44. Bulduri. Von 1 bis 3 Wache. 1 Toter. 5 Uhr Wecken. Um 7 Uhr nach Medni abgerückt. Unterkunft in einem Pferdestall. Mit Zellstoff die Fugen abgedichtet und aus einem leeren Ölfass einen Ofen gebaut.

Montag 6. 11. 44. Medni. Von 2– 4 Wache gehabt. Um 6 Uhr 30 aufgestanden und einen Grossraumsanitätwagen aus dem Strassengraben geholt. Zu Mittag gab es 2 Fleischlaibchen mit Kartoffellalat. Um 15 Uhr mit einem Sanitätswagen nach Frauenburg zum Hauptverbandplatz gefahren. Dort wartete gebeatenes Rindfleisch und ein Pudding auf uns.

Dienstag 7. 11. 44. Medni. 3 –5 Wache. Um 1/2 7 einer gestorben, der Zwefte um 13 uhr. Die Nachlässe auch der vergangenen Tage mussten erledigt werden. Die Leichen von heute mussten auch noch beerdigt werden. Im Radio hörte ich, dass der Franz Josefs Bahnhof bis hinaus nach Heiligenstadt bombardiert wurde. Der Bahnhof ist weniger als 1 km in Wien von unserer Wohnung entfernt.

Samstag 11. 11. 44. Medni. Grossangriff der Russen und grosser Anfall an Verwunderten. 1. Post nach langer Zeit bekommen. Dann 7 Tage lang nur Angriffe. Tote und Verwundete wurden zu uns gebracht. Die Nachlässe mussten für die Angehörigen fertig gemacht werden. In wenigen Tagen war der von uns angelegte Friedhof stark angewachsen. Ungeachtet der Belastung der wir ausgesetzt waren, bekam jeder gefallene Soldat ein Holzkreuz mit seinem Namen.

Ob die Russen diese Stätten der toten Soldaten bestehen liessen oder als aufrechte Kommunisten verwüstet haben, wissen wir nicht. Bei uns haben wir bis heute tausende Gräber von Russen auf viele wiener Friedhöfe verteilt. Mir ist aufgefallen, dass viele Frauen unter den Soldaten der Roten Armee bei uns ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Alle diese Toten haben ihre Grabsteine mit Namen, Dienstgrad und Tag ihres Todes. Alle diese Gräber werden von der Gemeindeverwaltung in Wien betreut. Ich besuche heute noch diese Gräber.

In meinen Aufzeichnungen im Kriegstagebuch habe ich Sonntag den 19. 11. 44. stehen. In der Nacht, als ich Wache hatte, hat einer von uns, dem es für seine Nerven zu viel geworden ist, seinem Leben ein Ende bereitet; erlhat sich erschossen. Das war dann schwer für mich, die Wahrheit seinen Eltern mitzuteilen. Worte des Trostes sind in den Wind gesrochen. Die Wahrheit konnte ich einfach nicht schreiben. So ist er im Kampf gefallen und von einer Kugel ins Herz getroffen worden. Er musste nicht leiden und war sofort tot. Dies habe ich auch dem jungen Leutnant aus Graz mitgeteilt, der vollständig meiner Meinung war und mit mir den Brief unterschrieben hat.

Montag 20. 11. 44: Um 1/2 7 Uhr abends war schon stockfinstere Nacht.

Da musste ich zu IV b gehen und eine schriftliche Meldung holen. Die Dienststelle des Divisionsaztes war 10 km entfernt. Das Gelände war mir vollkommen unbekannt. Es war Neumond und der Himmel war bedeckt. Also ging ich in ein Niemandsland mit der Ungewissheit ob ich jemals zurückfinden werde oder ob mich die Russen in Empfang nehmen. Meinem Instinkt hatte ich es zu verdanken, dass ich IV b auf Anhieb gefunden habe. Um 22 Uhr war ich zurück. Dazu muss ich bemerken, dass von unserer Basis keine Strasse zu IV b hinführte und ich quer durch einen mir fremden Wald gehen musste. Wie ich hin und wieder zurück gekommen bin weiss ich bis heute nicht. Nur das Feuer der Front hat mir die Richtung angegeben.

Ein Toter wartete schon auf mich, drei weitere warteten auf ihre Beerdigung.

Dienstag 21. 11. 44. Die 3 Toten wurden beerdigt. Da keiner unserer jungen Priester greifbar war, musste ich die Einsegnung dann vornehmen. In meinem Bunker gab es dann Glühwein und 30 Zigaretten.

Am 22. 11. 44 mussten die letzten lettischen Zivilisten, die ihre Heimat auf keinen Fall verlassen wollten, mit einem Lastwagen aus dem Kampfgebiet weggebracht werden. Da ich Latvia nicht konnte, die aber russisch verstanden, habe ich versucht ihnen zu erkären,dass hier das Kampfgebiet erst herkommen wird.

Bis 20. 12. 44 war eine schwere Zeit in Medni. Tag und Nacht wurden Schwerverwunderte und Tote hereingebracht. Oft ganze Nächte nur mit den Leichen zu tun gehabt, Nachlässe schreiben, bis ich sie zur Beerdigung freigeben konnte. Dazwischen jede Nacht Wache gehabt. Durch Artillerie zerstörte Bunker mussten wieder neu gebaut werden. Die Wälder in Lettland sind wunderschön, aber hier lebten auch geflohene Russen und Letten, die sich von der Truppe entfernt haben. Eines Tages musste ich ganz allein mit einem Pferdegespann zum Bunkerbau Holz aus dem Wald holen. Ich hatte nur eine säge und eine Holzhacke bei mir und keine Waffe. Ich musste aus dem Jungwald nur Bäume mit einem Stammdurchmesser von 15 cm umsägen und entasten. Es hatte geschneit und der Schnee lag 1/4 m hoch. Also ging ich mitten im Wald an meine Arbeit. Etwa 20 Bäume hatte ich zurecht gemacht und verladen, als ich auf einem Waldweg Pferdegetrampel hörte.

Es kam mir ein primitiver Sahlitten entgegen, auf dem 4 verwegene Gestalten in Pelzmänteln und Pelzmützen sassen, von denen jeder ein Gewehr hatte. Die Läufe waren nach oben gerichtet. Es waren keine Jagdwaffen, sondern Militärkarabiner. Ich war vollkommen unbewaffnet. Ich grüsste sie russisch und auch sie haben mir russisch geantwortet und mir zu verstehen gegeben, dass sie nur latvija sprechen. Sie sind gar nicht stehen geblieben und sind mit dem Schlitten so schnell sie gekommen sind wieder verschwunden. Erst dann wurde mir bewusst, dass meine Lage mehr als gefährlich war. Auch zu zweit hätten wir gegen diese Gestallten keine Chance gehabt. Aber trotzdem musste am nächsten Tag wieder Holz aus dem Wald geholt werden, aber ohne mir.

Die Angriffe wurden immer stärker und der Zugang von Verwundeten immer mehr. So mussten oft die ganze Nacht Neuaufnahmen gemacht werden. Die Todesfälle wurden auch immer mehr.

Am 22. 12. 44. gab es Alarmstufe 11, das heisst der Russe ist durchgebrochen und die vorbereiteten Stellungen mussten besetzt werden.

Dann musste bei uns eine „umweltfreundliche“Arbeit geleistet werden. Die Latrine war voll Scheisse und musste entleer werden.

Es war ein ungeschriebenes Militärgesetz, dass jeder Freiwillige, der diese Arbeit machen wollte, eine Flasche Schnaps und Zigaretten bekam.

Die Angriffe wurden immer mehr. In der Nacht kamen dann die Piloten mit ihren tieffliegenden Nähmaschinen. Das waren uralte Doppeldecker von denen sie mit der Hand 10 kg schwere Splitterbomben abgeworfen haben. Ich wurde am Zeigefinger der linken Hand verwundet. Ein Stabsarzt von uns wurdevon einem Bombensplitter verletzt, erlitt einen Herzinfakt und war sofort tot. Nach meiner Wundversorgung trug ich meinen linken Arm in einer Schlinge. Nach einemschweren Angriff der Russen mussten wir unsere Stellung aufgeben und sind 10 km zurück nach Celnieki verlegt worden. Unsere Unterkunft war wieder ein leerer Pferdestall. Ungeachtet meines Verbandes hatte ich wieder Wachdienst und musste meine Nachlässe mit der rechten Hand erledigen.

Donnerstag 24. Dezember 1944 — Jetzt kam das schönste Fest des Jahres. Es war Heiliger Abend, der 24. Dezember 1944. Um diese heilige Nacht so richtig geniessen zu können, hatte ich mit meiner verletzten Hand von 1 Uhr bis 3 Uhr Wache. Um 19 Uhr hatten wir die Weihnachtsfeier. Wir bekamen Bäckereien, 56 Zigaretten, 1Apfelsaft, eine Wurst, 2 Rollen Drops, eine Tafel Schokolade, einen Weihnachtsstollen, Punsch und eine Flasche Birkenwasser für die Haare, damit der Stahlhelm einen besseren Halt hat. Als dann zu saufen begonnen wurde, habe ich mich niedergelegt.

Am Montag den 25. Dezember 44 war ich morgens bei einer Hlg. Messe. Ich weiss nicht, ob diese Messe evangelisch oder katholisch war, denn diesen Priester habe ich nicht gekannt und in der Uniform sind alle gleich.

Dienstag 26. 12. 44. Wache von 2 Uhr bis 4 Uhr 30 morgens. 20 Mann Arbeitskommando gekommen. Eine Latrine musste gebaut werden. Holz musste geschnitten werden, Gräber ausgehoben und Altbekleidung abgeliefert werden. Auffällig war, dass seit Tagen viele schwere Waffen Richtung Küste vorbeigefahren sind. Den ganzen Tag wurden Bunker gebaut.

Am Sonntag den 31. 12. 44 begannen nach der Arbeit die Feiern zum Jahreswechsel bei Punsch

Montag den 1. 1. 45 wurde meine Beförderung zum obergefreiten ausgesprochen. Da war es 1/2 1 Nachts. Bis 1/24 wurde gefeiert. Um 8 Uhr aufgestanden und ein Grab geschaufelt. Es gab dann eine Flasche Apfelsaft und 50 Zigaretten. Am Bunker wurde weiter gebaut. Täglich Wache gehabt. Holz wurde zum Bau des Bunkers gebracht.

Am 15. 1. 45 wurde in den Bunker eingezogen. Vor dem Bunker musste alles weggeräumt werden.

Am 17. 1. 45 brachte ein Schneesturm eine grosse Scheune zum Einsturz.

Freitag 19. 1. 45. Unser neuer chef zur Inspektion gekommen. Es ist Stabsarzt Dr. Koller. Besichtigte unseren neu gebauten Bunker und die sanitären Einrichtungen. Die Beerdigung der Leichen durfte keine Unterbrechung erfahren, sowie die Bearbeitung der Nachlässe. Ein Sanitätswagen musste in 4 km Entfernung aus einem Graben geholt werden. Mit Lüders aus dem Wald Baumstämme zur weiteren Abdeckung des Bunker–Daches geholt. Zuerst musste der Schnee gründlich vom Dach entfernt werden. Dann erst konnten die Holzstämme auf eine Isolierschichtevon Heu und Stroh gelegt werden. Dazwischen mussten Gräber geschaufelt werden.

Samstag 27. 1. 45. Wache von 23 Uhr bis 1 Uhr 30. 5 Uhr Wecken, weil verlegt werden soll. Ich habe mich gefragt, wozu die ganze Arbeit?

Am Mittwoch den 31. 1. 45 war alles verladen. Mittags von Celnieki 28 km zu Fuss nach Frauenburg zum Feldlazarett marschiert.

Donnerstag 1. 2. 45. Latrine wurde vom Arbeitskommando gebaut. Unterkunft wurde hergerichtet. Wache von 20 Uhr 40 bis 23 Uhr und von 3 Uhr 30 bis 6 Uhr.

Sonntag 4. 2. 45. Zahnstation zum Verladen fertig gemacht.

Montag 5. 2. 45. 8 Uhr Abfahrt mit Bus zum Verladebahnhof. Bis 10 Uhr 50 war alles verladen. Im geheizten Bus Platz genommen. Abfahrt 14 Uhr 30. Schöne Fahrt bei Gesang mit Harmonikabegleitung. Vor Libau um 11 Uhr 30 abgeladen.

Dienstag 6. 2. 45. Um 2 Uhr 30 früh 3 km am Kotflügel eines LKW durch ein Uberschwemmungsgebiet bis zum Bus mitgefahren. Im Bus elend geschlafen. Am Morgen bei Zivilisten einquartiert worden. Endlich mich wieder waschen und rasieren können. Um 2 Uhr nachts am Mittwoch den 7. 2. 45 wurden wir geweckt. Es muss alles startklar gemacht werden, weil wir sofort nach Libau fahren. 8. 2. 45 Libau. In einer schönen Wohnung von Zivilisten am Hauptplatz von Libau übernachten können. In einem herrlichen Bett gut geschlafen, Der Besitzer der Wohnung, ein netter, vornehmer Herr wollte sich mit mir unterhalten. Ich sprach nicht latvija und er nicht deutsch. Ich sagte, dass ich russisch für eine Konversation zu wenig kann. Er meinte, er habe in der Schule nur französisch und englisch gehabt. Die Lage war also gerettet. Wir einigten uns auf französisch, obwohl sein englisch sehr gut war. Seine Fragen richteten sich hauptsächlich auf Vienne und Autriche. Das Gespräch hat mich gefreut obwohl mir die Augen schon zugefallen sind. Ich wurde zeitig früh geweckt, da es zum Hafen ging und die Fahrzeuge schon verladen wurden. Ich wurde zum Hafen gebracht. Der Frachter war aus Frankreich, hatte 7500 Brt. und hiess Malgache. Oie Verwundeten waren alle an Bord.

Freitag 9. 2. 45 Lettland lag hinter uns. Wir waren auf See. Am Schiff hatte ich wie ein Firmling gegessen. Um 6 Uhr gab es Frühstück, um 13 Uhr sind wir an Hela vorbeigefahren und haben das riesige Schlachtschiff„Prinz Eugen“ in der Ostsee vor Anker liegen gesehen. Gegen 14 Uhr in Danzig – Neufahrwasser angekommen. Beim Verladen der Verwundeten habe ich den Kranführer eingewiesen, indem ich mit dem Kran mitgefahren bin.

Samstag 10. 2. 45 Danzig an Bord. Um 2 Uhr früh waren alle Verwundeten an Land. Dann habe ich mich niedergelegt. Um 8 Uhr mit der Strassenbahn in die neue Unterkunft, einem Gymnasium gefahren. Anschliessend bin ich in die Stadt nach Danzig gegangen um mir in Ruhe alles anzusehen.

Sonntag 11. 2. 45. Von 0 Uhr bis 6 Uhr früh Verwundwerte verladen. Bei Heiderode von russischen Fliegern angegriffen worden. Wir hatten 6 Verwundete gehabt. Alle Verwundeten die wir hatten wurden am nächsten Hauptverbandplatz den Ärzten übergeben. Kurz danach lagen 2 Verwundete am Strassenrand. Wir brachten sie zum nächsten HVB. Wir waren jetzt 30 Stunden im Dauereinsatz ohne Essen.

Montag 12. 2. 45. Nach Mitternacht erreichten wir den Ort Rytel. Wir fanden ein verlassenes Parteilokal der NSDAP, welches offenbar von den Bonzen fluchtartig verlassen wurde. Hier verbrachten wir die Nacht. Von den Parteiunuformen lagen Jacken und Mäntel kreuz und quer herum. Diese Parteiuniformen,die ich bisher noch nie gesehen hatte, waren von bester Qualität. Das lila Futter war aus reiner Seide und die Knöpfe waren vergoldet.

Am Dienstag den 13. 2. 45 nahmen uns polnische Zivilisten auf, die uns gleich mit Schnaps, Brot, Speck und Butter versorgt haben. Dort haben wir erfahren, dass unser Chef von russischen Panzern schwer verwundet wurde und in russische Gefangenschaft geraten sein soll.

Mittwoch 14. 2. 45. In Rytel wurde von uns ein HVP errichtet, den wir in einer Schule untergebracbt haben. Es gab gleich 3 Tote, darunter einen Ritterkreuzträger.

Donnerstag, 15. 2. 45. Um 2 Uhr früh wurden Verwundete gebracht, die wir sofort medizinisch versorgen mussten. Das dauerte 4 Stunden.

Bis 21. 2. 45 waren wir in Rytel voll im Einsatz, bis Infanterie und schwere Artillerie in Stellung gingen. Das heisst, dass der Russe durchgebrochen ist und unsere Front zurückgenommen werden muss. Wir mussten uns noch am selben Abend absetzen. In Heidehütte (Hutta) haben wir unseren nächsten HVP errichtet.

Auf einem Hauptverbandplatz mussten im Notfall auch schwere Operationen wie in einem Feldlazarett durchgeführt werden. Daher mussten unsere Ärzte alle ausgebildete Chirurgen und Internisten sein. Narkosen durften nur auf Anweisung von Ärzten von Sanitätsdienstgraden gegeben werden. Ebenso durften Operationhilfen nur von Sanitätsdienstgraden geleistet werden. Ich wurde bei Operationen als Beleuchter eingesetzt. Das heisst, ich musste den Handscheinwerfer bei operativen Eingriffen so einsetzen, dass der Chirurg schattenfrei den Schnitt setzen kann. Als Dienstgrad trug man den mit einer Silberkordel eingefassten Äskulapstab am Ärmel. (Äskulap war der griechisch und römische Gott der Heilkunde). Dienstgrade mussten schon während der Ausbildung Seminare erfolgreich abgelegt haben, um den Titel Sanitätsdienstgrad tragen zu dürfen. Die Ausbildung dauerte 10 Monate. Insgesamt waren vor einem Ärztekon sortium vier Prüfungen vorgesehen.

Unser HVP hatte so wie alle übrigen eine Stromagregate um von jedem fremden Netzanschluss unabhängig zu sein.

Jetzt wieder zurück ins Kriegsgebiet.

Unser HVP musste am 25. 2. 45 nach Zalesy (Salesch) verlegt werden. Auch hier war eine Schule der geeignete ort.

Inzwischen hatten wir schon Freitag den 2. 3. 44 An diesem Tag hatten wir so viele Schwerverwunderte, dass 12 Mann bei der Einlieferung, während der Operation oder nachher gestorben sind. Wir mussten auch alle Zivilisten, egal ob Frau oder Mann medizinisch oder chirurgisch versorgen. An diesem Schreckenstag wurde uns auch ein 19 jähriges Mädchen mit einer akuten Blinddarmentzündung eingeliefert, die sofort operiert werden musste. Sie hatte die Operation gut überstanden, sodass sie abtransportiert werden konnte. Aber ich fragte mich wohin und was ist mit ihr weiter geschehen? Mitten im Kampfgebiet. Soldaten kommen in einen Lazarettzug und ab in die Heimat. Aber hier in ihrer Heimat ist Lettland und Kampfgebiet. Die Spitäler sind zerstört. Am selben Abend wurden wir von Zalesy nach Sophienwalde verlegt.

Am Samstag den 3. 3. 45. Sophienwalde. In eine Villa den HVP verlegt. Am nächsten Tag mussten wir Sophienwalde schon wieder verlassen und sind nach Lippusch abgefahren. In einer grossen Schule HVP eingerichtet. Eine grosse Scheune ist abgebrannt. Wir bekamen 60 Verwundete und 7 Tote. Lippusch 5. 3. 45. Man sieht, dass alles in Auflösung ist. In der Nacht zum 7. 3. 45 hatte ich wieder Wache. Das hat mir genügt. Um 10 Uhr nach Behrend abgehaut. In das von allen verlassene Kreiskrankenhaus eingezogen. Nach Wochen ein Vollbad genommen. Während des Bades gab es wieder Alarm. Mir war schon alles egal. In der Küche stand noch fix und fertig das warme Essen. Also deckte ich mir einen Tisch und habe mir alles gut schmecken lassen. Das Essen habe ich genossen. Ich war gerade dabei mich auf und davon zu machen. Einen Koch von uns habe ich getroffen, der so wie ich sich selbständig machte. Da kam plötzlich eine Frau zu uns und hat uns gebeten, ihren alten Vater, der auf der Flucht am Pferdewagen gestorben ist, begraben zu lassen. Aber es war keine Zeit mehr. Unser Koch, ein Bär von einem Mann, der hat das tote alte Männchen geschnappt und ins Leichenhaus des Spitals getragen. Der Frau sagte er, dass der Pfarrer bald kommen und den Vater begraben wird. Sie soll aber so schnell wie möglich mit ihrem Pferdegespann fortfahren, da sie mitten im Kampfgebiet ist. Ich habe mir noch die Leichenhalle und die Kapelle angeschaut.

Das kann man sich nicht vorstellen. Leichen waren über Leichen gelegt. Auf den Kästen lagen Leichen. Das waren alles Tote die im Spital gestorben sind. Keiner war da, der sie beerdigen konnte.

Um 19 Uhr auf vollgestopften Strassen nicht weiter gekommen. In einem Parteilokal der NSDAP einquartiert. Die Parteigenossen hatten alles zerstört, sogar die Hitlerbilder. Nur ihre teueren Uniformen lagen am Fussboden herum. Ich glaube diese haben sie nicht mehr gebraucht.

Donnerstag 8. 3. 45. Um 7 Uhr früh Behrend fluchtartig verlassen. Panzer sind links neben der Stasse in Stellung gegangen, da aus einem Wald in etwa 300 m Entfernung russische Panzer T 34 heraus gekommen sind. Nach einigen Volltreffern sind die Panzer im Retourgang im Wald verschwunden. Unser Autobus, der längst hier sein sollte ist nicht gekommen. Wir waren nur mehr wenige Mann, die Richtung Karthaus gegangen sind, obwohl wir nicht wussten wo Karthaus liegt. Links von uns ist Pak in Stellung gegangen. Inzwischen ist es Montag geworden. Weiter sind nur Motorräder gekommen. Ein Fahrer hat mich am Beiwagen mitgenommen, denn meine Füsse waren wundgelaufen und voll Blasen. Jetzt erst habe ich erfahren, dass diese Strasse nach Gdingen führt, also Richtung Ostsee.

Ich bin dann allein zu Fuss durch einen winterlichen Wald Richtung Glettkau, was am Weg von Gdingen liegt, gegangen. Es war unheimlich. Ich bin mir ganz verlassen vorgekommen. Mein eiziger Begleiter war mein Gewehr. Da kam ich im Wald an eine Kreuzung auf der von allen Seiten Soldaten gekommen sind. Ich fragte sie, woher sie kommen? Alle haben mir gesagt: Wir kommen von der Front. Da habe ich gewusst, jetzt ist alles aus. Die Fronten sind zusammengebrochen.

Ich ging nach meinem Kompass Richtung Glettkau. Aus dem Wald herausgekommen, war kein Schnee mehr zu sehen. Von allen Einheiten marschierten Soldaten in meiner Richtung. Ich sah auch Feldgendarmerie, die Soldaten zusammen fing, um neue Kampfeinheiten zusammenzustellen. Ich hatte meinen Internationalen Ausweis vom Roten Kreuz und die Legitimation meiner Sanitätseinheit, welche ich suchte.

 

Als ich weitermarschierte, war ich erschüttert. An jedem Baum war ein Hitlerjunge aufgehängt. Es waren Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren. Jeder hatte um den Hals eine Papptafel, wo zu lesen war.

 

„Ich war zu feig zu kämpfen. – Unser Führer braucht keine Feiglinge. – Ich habe mich geweigert einen Fahnenflüchtigen zu erschiessen. – Ich bin ein feiges Schwein.“

 

Das ging so weiter. Ich konnte sie nicht zählen, wie viele von diesen Kindern gehenkt wurden. Jedenfalls fürchtete ich, dass mir die Füsse versagen könnten. Ich zitterte und war total fertig. Dann traf ich endlich Kameraden meiner San. Kompanie. Zusammen haben wir dann endlich unsere Einheit gefunden. Wir mussten erst von Glettkau über eine Brücke nach Danzig–Neufahrwasser. Links und rechts der Brückenköpfe lagen tote Pferde, die im Kugelhagel der russischen Flieger verendet sind. Die getroffene Brücke wurde von den Pionieren immer sofort behelfsmässig repariert. Endlich kamen wir ohne Fliegerangriff hinüber. In einem grossen Luftschutz–Betonbunker wurde unser HVP eingerichtet. Ich dachte, das ist ein sicherer Platz. – Irrtum. – Täglich, ich kann nicht sagen, wie oft griffen russische Tiefflieger unseren Betonbunker an. Wenn man drinnen war, hörte man die 3 cm Kalibergeschosse auf den Eisenbeton unseres Bunkers niederbrasseln. Das grosse Schlachtschiff „Prinz Eugen“ schoss über uns die riesigen Granaten auf die russischen Stellungen. Wir hörten, dass Zoppot bereits gefallen sein soll.

Dann kam der 25. 3. 45. Neufahrwasser. Um 6 Uhr 15 verliess ich den Bunker und wollte Wasser holen.

Da schlug eine russische Granate in ca. 80 m Entfernung von mir ein. Ich hörte den Einschlag und spürte an meiner linken Schläfe wie einen Hammerschlag gegen meinen Kopf. Ich empfand keinen Schmerz. Als ich mit der Hand hingreifen wollte, spritzte bei jedem Herzschlag in einem Bogen hellrotes, arterielles Blut heraus.

Nun muss ich hier einfügen, dass spät in vergangener Nacht ein verwundeter Unteroffizier seinen Verletzungen erlegen ist. Da die anjeren Verwundeten alle versorgt waren, rief unser Stabsarzt seine Ärzte fJnd Sanitätsdienstgrade zu sich und erklärte uns, dass er an der vor klJrzem verstorbenen Leiche eine komplizierte Operation bei Verletzung der Schläfenschlagader uns zeigen möchte. Er bemerkte gleich, dass die Chancen des Gelingens einer solchen Operation bei 20 zu 80% liegt, weil man vorher nie weiss, welcher Ast der Arterie zerrissen wurde. Die Halsschlagader bringt das Blut zur Schläfenschlagader,die sich am Ende in 3 Äste teilt. Die Arteria interna, die Arteria externa und in der Mitte läuft die Arteria temporalis, die das Hirn direkt mit Blut versorgt, wurde dieser Ast so zerrissen, dass man ihn nicht abklemmen kann, dann muss die Halsschlagader freigelegt werden, um auf diesem Weg zur Temporalis zu gelangen. Geht es nicht schnell genug, kann der Patient verblutet und das Hirn nicht mit genügend Sauerstoff versorgt werden. Man darf nicht vergessen, dass wir das Jahr 1945 schrieben und uns auf einem Hauptverbandplatz befanden.

Ich habe den Eingriff an der Leiche genau verfolgt und konnte aber nicht ahnen, dass ich am nächsten Tag selbst das Opfer einer solchen Verwundung bin.

In so einem Fall ist es besser ein uninformierter Laie zu sein, als über das Risiko Bescheid zu wissen.

Mein Splitter blieb vor der Hypophyse stecken. Die Kornzange erfasste zwar den Splitter, liess sich aber nicht herausziehen. Meine Kameraden standen mit ernsten Gesichtern um den OP-Tisch und haben fest meine Arme gehalten. Sie sagten mir ich soll mich fest in ihren Arm verbeissen, um meine Schmerzen zu überwinden. Der Stabsarzt verlangte sofort eine Totalnarkose, da ein weiterer Eingriff bei meinen Schmerzen nicht durchgeführt werden kann. Nach kurzer Zeit, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkam, war ich nicht mehr bei Bewusstsein. Als ich zu mir gekommen bin, hatte ich einen dicken Kopfverband. Schmerzstillende Spritzen muss ich noch währehd der Narkose bekommen haben. Ich bin schon in einem Bett gelegen und meine Kameraden sind bei mir gestanden. Jeder hat mir seine Schokoladeration auf meine Bettdecke gelegt und mir gratuliert, weil ich meine Schmerzen so gemeistert habe. Der Stabsarzt sagte mir, dass die Schlagader abgeklemmt werden konnte, aber die Entfernung des tiefliegenden Granatsplitters problematisch war. Die Operation hat 45 Minuten gedauert und er war froh, dass alles noch gut gegangen ist.

Wir mussten unseren HVP im Grossbunker verlassen und eine Fähre brachte uns von Neufahrwasser auf die Westerplatte. Ich dachte mir,hier auf der Westerplatte hat Hitler den Krieg im Osten begonnen und für mich wird er hier zu Ende sein. An ein Überleben habe ich nicht mehr gedacht. So wartete ich auf das „Grosse“ was geschehen soll von hier herauszukommen. Die Bombebangriffe waren unvorstellbar. Wir hatten beim Sanitätspersonal wieder Tote. Nachschub an geschultem Personal kam keiner mehr. Es gab kein Weiterkommen.

Da entdeckte der Stabsarzt am Strand der Ostsee ein Cafe, wo er einen HVP einrichten liess. Ich sass mit meiner Kopfverletzung im Keller des Cafes und wartete. Die Lage war aussichtslos. Da kam der Stabsarzt zu mir und sagte: Zawodsky sie sind schwer verletzt und werden nicht durchhalten können. In Bodensack, einem kleinen Hafen soll noch ein Kohlenpott stehen, der zu einem Geleitzug von wenigen Schiffen fahren soll die Danzig verlassen. Ich nahm von meinen Kameraden Abschied. Der Stabsarzt sagte zu mir: Zawodsky, Leonidas der König von Sparta sagte in der Schlacht auf den Thermopylen zu einem seiner Kampfgenossen: Wanderer kommst du nach Sparta, dann sage ihnen du hast uns hier im Kampf sterben gesehen, so wie das Gesetz es befahl. Das waren die letzten Worte meines Stabsarztes, bevor ich um 1 Uhr nachts mit dem Stahlhelm am Kopfverband nach Bodensack marschierte. Um 7 Uhr früh war ich dort. Ein eiziger kleiner Kohlenpott stand im Hafen. Draussen auf See lagen grössere Schiffe. Vor dem kleinen Kohlenpott standen hunderte Soldaten, die niemals Platz finden konnten. Die SS hat auf der Landungsbrücke mit Maschinenpistolen die Leute zurückgehalten. Ich war durch meine Verwundung so sehr geschwächt, dass ich nicht mehr konnte. Ich wandelte Richtung Kohlenpott und fand ein Splitterloch, in das ich hineinsprang und sofort einschlief. Plötzlich ein Tiefangriff russischer Kampfbomber. Es kam eine Staffel nach der anderen. Vom Landungssteg stürmte alles fort. Da sprang ich aus meinem Splitterloch und rannte im Hagel russischer Geschosse zum Landungssteg und konnte mich am Geländer festhalten. Da war auch schon die SS da. Es hiess 9 Mann an Bord und alles andere zurück. Unter diesen 9 Mann war ich. Ich stand bis zu den Knien im Wasser und ober der Lucke der blaue Himmel. Da fing der Motor zu tuckern an und ich fühlte es geht hinaus.

Der Kohlenpott fuhr nur bis Hela, da war es 11 Uhr, als wir von Matrosen aus dem unter Wasser stehenden Laderaum für Kohlen herausgezogen wurden. An Land haben Matrosen für die Angekommenen, Heringe am offenen Feuer gebraten. Diese Heringe waren herrlich. Seit Tagen das erste warme Essen für mich. Um 16 Uhr 30 brachte uns ein kleines Schiff der Marine Richtung Geleitzug. Aber kaum hatten wir abgelegt, als ein Grossangriff russischer Bomber erfolgte. Angriffsz iel war das Schlachtschiff „Prinz Eugen“ Diese Luftschlacht zählte zu einem meiner grössten Erlebnisse. Unser kleines Schiff drehte sofort Richtung Seeund die Matrosen schossen mit der Vierlingsflak. Aus dem Schiffsrumpf wurde eine Kiste Munition nach der anderen heraufgeholt. Die ausgeschossenen Messingkartuschen wurden über Bord gekehrt. 2 Bomber wurden abgeschossen. Von wem, konnte ich nicht feststellen. Das Schlachtschiff sah aus als würde es an hunderten Perlenketten hängen, da jedes 3. Geschoss eine Leuchtspur hinterlassen hat. Die abgeworfenen Bomben landeten alle im Wasser. Als der Angriff vorüber war, legte unser Schiff an den grossen Frachter „Neidenfels“ an.

Es war Mitwoch, 28. März 45. Am Schiff waren schon Panzer und Lastwagen verladen als immer noch Flüchtlinge gebracht wurden. Es war schon 20 Uhr und stockfinster. Um 22 Uhr stach das Schiff in See.

Am Freitag den 30. 3. 45. auf See, hörten wir, dass Danzig bereits gefallen ist. Abends sind wir in Swinemünde eingelaufen.

Am Samstag den 31. 3. 45 stiegen wir auf ein Torpedoschnellboot um. Mit rasender Geschwindigkeit ging es nach Stralsund. Von der Marinekaserne wurden wir mit einem Autobus zum Bahnhof gebracht. Mit dem Zug ging es weiter nach Bergen auf der Insel Rügen ins Kriegslazarett. Inzwischen war Oster–Sonntag der 1. April 45. Im Lazarett in Bergen habe ich erfahren, dass die Russen Wiener–Neustadt, 45 km vor Wien eingenommen haben und schon in Baden bei Wien waren. Ich war verzweifelt, da ich nichts machen konnte, als pur mit Fieber im Bett zu liegen. Heute habe ich endlich nach langer Zeit ein gutes, warmes Essen bekommen. Weil Ostern war, haben uns Kinder jeden Verwundeten 2 Ostereier gebracht, worüber wir uns sehr gefreut haben.

Am 3. 4. 45 habe ich erfahren, dass in Wien bereits Strassenkämpfe mit den Russen sind.

Am 13. 4. 45 wurde durchgegeben, dass Präsident Roosevelt gestorben ist und bei uns hier im Norden die Amerikaner auf Berlin und Bremen vorstossen. Auf unseren Abschnitt machen die Russen einen Grossangriff. 18. 4. 45. Alle Verwundeten sollen mit einem Lazarettzug weggebracht werden.

Am Donnerstag den den 19. 4. 45 ist der Zug mit uns abgefahren Ich hatte 39,3 Fieber. Um 16 Uhr wurden wir in Schwerin ausgeladen und kamen in ein Reservelazarett. Abends hatte ich 40 Fieber. Ich bekam 3 ccm Eubarin gespritzt. Bis Montag den 30. 4. 45 war ich in Schwerin, dann hiess es fertigmachen zum Abmarsch.

Am Dienstag den 1. Mai wurden wir vom Lazarett weggeschickt und ich verlor gleich meine Leute. Es hiess lieber von den Amerikanern gefangen werden, als von den Russen.

Ich marschierte allein in einem schönen Wald mit meinem Kompass„in Richtung weg von den Russen“.Meine Marschzahl war 52. Da traf ich einen der hiess Fritz König und war aus Köflach in der Steiermark . So marschierten wir zusammen. Plötzlich Luftangriffe von den Engländern. Am Weg bekamen wir von Zivilisten Kaffee, Milch und Brote mit Sirup. Nach 12 km kamen wir nach Rosenhagen, KreiS Schwerin in Mecklenburg. In Rosenhagen bekamen wir bei sehr netten Menschen, einer Familie Schütt, am 2. 5. 45 ein schönes Quartier und haben bestens gegessen. Morgens haben wir erfahren, dass die Amerikaner bereits hier sind.

Die Amerikaner schenkten uns gleich Konserven und Schnaps. Aber es gab auch welche, die vor uns Essen unbrauchbar machten, obwohl wir halb verhungert waren.

Am Donnerstag den 3. Mai bekamen wir von der Familie Schütt zum Abschied ein herrliches Frühstück. Dann mussten wir aufbrechen und kamen in Lützow um 9 Uhr in amerikanische Gefangenschaft. Zu Fuss sind wir nach Wittenburg gekommen. Von dort sind wir dann mit Lastwagen nach Hagenow und weiter nach Warschow in ein Lager gebracht worden, wo wir untersucht worden sind und dann in ein grosses Lager gebracht wurden. Von dort ging es in den Wald von Kaköhl in SchleswigHolstein, wo ein Zeltlager war. Wir mussten auf einem Gutshof arbeiten. Da verging uns die Zeit schneller. Dann bin ich 4 Tage gelegen,da ich durch meinen Kopfschuss arge Schmerzen hatte. 2 Tage später, da mussten sich alle Österreicher melden. Die Zeit verging mit Wäschewaschen und mit dem Sauberhalten der Zeltplätze.

Eines Nachts hörten wir ein Getrampel. Vom Gutshof war ein schweres Ross ausgebrochen und galoppierte in den Strassen unserer Zeltstadt im Wald. Die Zelte waren 1 m tief eingegraben und die Zeltbahnen dienten nur als Regenschutz. Wenn so ein wild gewordenes Pferd auf eine Zeltbahn gesprungen und in ein Zelt gestürzt wäre, dann hätte es Schwerverletzte oder sogar Tote gegeben. Zum Glück aber hat das Ross aus unserer Zeltstadt im Wald heraus gefunden.

Unsere Tätigkeit, um die Zeit tot zu schlagen, bestand freiwillig am Gutshof zu arbeiten oder im Wald Holz zu sammeln.

Als Hobbybiologe bereicherte ich meinen Speiseplan mit dem Sammeln von hochwertigen Speisepilzen. Hier gab es Boviste, ein Suppenpilz, der in dieser Gegend die Grösse eines Tennisballes erreicht. Nur muss man eben wissen, wann man ihn ernten kann, ohne schon ungeniessbar zu sein. Auch Edelreizker gab es hier. Gebraten – eine Delikatesse. Eines aber darf man nicht vergessen, dass jeder geniessbare Schwamm einen oder gar mehrere giftige Doppelgänger hat,die auch tödlich sein können. Als ich Feuer machte, um meine Pilzgerichte zuzubereiten, standen plötzlich meine heimischen Kameraden aus ländlichen Gegenden, rund um mich herum und warteten darauf, wie lange ich meine Pilzgerichte überleben werde. Am nächsten Tag kamen sie wieder und schauten, ob ich noch am Leben bin. Ich machte mir den Spass und sagte ihnen, dass ich auch Grüne–Knollenblätterpilze gekocht habe, die innerhalb einer Stunde zum Tod führen und möchte sie gerne zu einem Essen mit mir einladen. So langsam sie gekommen sind, so schnell waren alle wieder fort. Ich hatte den Ruf bekommen, ein unsterblicher Magier zu sein.

Da ich meine Erkundungswanderungen fast immer allein machte, bin ich auch in Gegenden gekommen, die sogar von den Einheimischen nur sehr selten betreten wurde. Da entdeckte ich am Waldrand einen Grenzstein der Österreich–Ungarischen Monarchie. In meinem Historischen Schulatlas fand ich dann zuhause in dieser Gegend ein ganz kleines Gebiet, welches einmal den Habsburgern gehörte. Welchen Status es einmal hatte, ist aus meinen Unterlagen nicht hervorgegangen.

Am Samstag den 14. 7. 45 wurde ich zu einem österreichischen Bataillon versetzt. Am 17. 7. 45 habe ich erfahren, dass in Wien Typhus ausgebrochen ist und es kein Wasser geben soll.

Die Lagerleitung wollte uns auf andere Gedanken bringen und organisierte immerwieder Veranstaltungen, um der Freizeitgestaltung einen Sinn zu geben. So wurden Varietévorstellungen mit Aktivisten aus unseren Reihen, Sprachkurse in verschiedenen Sprachen und Vorträge mit verschiedensten Themen veranstaltet. Das Internierungsgebiet umfasste einen Grossteil von Schleswig–Holstein.

Am Freitag den 31. 9. 45 hiess es die Zelte abbrechen und wir müssen zum Bahnhof nach Lütjenburg marschieren. Wir werden alle nach Ostfriesland verlegt. Der Zug fuhr um 18 Uhr ab. Wir fuhren über Lübeck – Hamburg – Bremen nach Wilhelmshaven. Dort standen schon die Amerikaner mit Lastwagen und brachten uns über Carolinensiel nach Neufunixsiel.

Untergebracht wurden wir in leeren Viehställen und Wirtschaftsgebäuden von Bauern. Als wir angekommen sind war es stockfinster und man konnte nichts sehen. Als es Tag wurde, konnten wir unsere Stallungen erst so richtig sehen. Soweit es möglich war, haben wir versucht unser Quartier wohnlich zu gestalten, was jedoch nicht leicht gewesen ist.

Dann erst habe ich mir die Gegend genauer ansehen können. Das erste,was mir aufgefallen ist/war, dass alle Bäume,die neben der Strasse standen, vollkommen schief landeinwärts gewachsen waren.

Als ich durch die Gegend ging, die vollkommen flach ist, sah ich vereinzelt in den Feldern Bauernhäuser und Scheunen stehen, die alle auf künstlich aftgelegten Hügeln, die 2 –3 m hoch waren, gebaut waren. Da bemerkte ich, dass auch die Strasse, auf der ich ging, auf einem Damm gebaut war. Da war mir klar, dass diese Küstenlandschaft eine Depression war und wenn die Herbststürme von der Nordsee kamen,dann war das ganze Küstenland unter Wasser. Auf den Gräbern liegen Steinplatten, die mit Erde bedeckt werden, damit die Leichen nicht herausgeschwemmt werden können und doch das Aussehen eines Grabhügels erhalten bleibt.

Im gesamten Internierungsgebiet konnten wir uns frei bewegen. Das Gebiet reichte von Emden im Westen bis Wilhelmshaven im Osten.

Da es schon Oktober war, lernte ich auch die Herbststürme hier kennen. 130 bis 150 kmh sind nicht aussergewöhnlich. Da fährt kein Auto auf der Strasse Und kein Mensch ist zu sehen. Vater Thiele (Fadder wie wir ihn friesisch nannten), unser Wirt, ist einmal von Carolinensiel, was direkt an der Nordsee liegt, zu uns nach Neufunixsiel, auf der Wind abgewendeten Seite des Stassendammes, 4 Stunden, am Bauch liegend, gekrochen. Ein Weg, den man zu Fuss in 35 Minuten zurück legt. Ein Problem und lebensgefährlich sind die Brücken über die Kanäle bei solchen Stürmen, auch am Bauch liegend, zu überqueren. Schon mancher wurde vom Sturm heruntergefegt und ist ertrunken, da bei Sturmflut ein Schwimmen unmöglich ist. Wenn die See bei gutem Wetter ruhig ist kann man verstehen, dass die Ostfriesen sagen: „Die Nordsee ist eine Mordsee“. Ich selbst habe es einige Male erlebt.

Ein Kapitel für sich sind die Friesen selbst. Das Friesische Plattdeutsch ist eine eigene Sprache. Die Jungen sprechen untereinander Platt, aber mit Deutschen sprechen sie Hochdeutsch. In der 3. Klasse Volkschule, das war 1929, haben wir schon Geschichten Platt gelesen und mussten sie ins Hochdeutsche übersetzen. Heute habe ich noch diese für uns fremde Sprache im Kopf. Das Hirn wurde dadurch zum Denken angeregt.

Aber diese alten Friesenböcke, die alle deutsch konnten, haben nur prinzipiel friesisches Platt gesprochen, auch wenn sie kein Mensch verstanden hat. Im Gasthaus sassen Männerrunden am Tisch und keiner hat ein Wort gesprochen. Wenn einer was sagte, bekam er erst nach einer Minute eine Antwort. Ich konnte das nicht begreifen. Ich habe mich aber mit diesen wortkargen Menschen gut verstanden. Als ich einmal ins Wirtshaus kam, sagte ich „Morgen“. Das bedeutet „Guten Tag“ und so wird von morgens bis spät abends gegrüsst. Erst wenn man ins Bett steigt, dann sagt man zur Ollen (Alten, was auch Gattin bedeutet) „Nacht“, nicht gute Nacht. Ich setzte mich im Gasthaus an einen Tisch. Sagte: Fadder Thiele bring n Kööm (einen Kümmelschnaps), aber doppelt för mi. Dann setz dich her un schweigst mi wat vor. De andern schnacken (sprechen) ma (mir) zu viel.

Am Montag den 10. 0ktober 45 wurden wir nach Wittmund gebracht, weil die Amis uns wieder registrieren wollten.

Am Abend zurückgekommen ging ich wieder zum Wirt. „Morgen, Morgen! Fadder Thiele – wie gestern doppelter Kööm“. Er setzte sich zu mir und sagte kein Wort und ich auch nicht. Nach langer Zeit war mein Glas schon halb leer. Fadder Thiele; Wo warste hüt? – In Wittmund. – Pause –Trank inzwischen am Köm –Wat haste in Wittmund jetan? – Pause – War registrieren – lange Pause – Wer hat registriert? – De Piefke nicht, de Amis –Pause – „Wat is'n Piefke?“ – Pause –„Na du bisn Piefke, so heisst ihr in Österreich.“ Schweigen – „so so“ – „un wie sek du zu de Österreicher?“– Pause – „Kamerad Schnürschuh“ inzwischen habe ich den Kümmel ausgetrunken. „Fadder Thiele nett von dir, dasslde sekst Kamerad zu uns. Morgen, Morgen.“ Ich ging schlafen. So ist die Zeit in Ostfriesland vergangen. Der Heilige Abend war ein Montag und ich hatte Angina. Konnte daher an keiner Feier teilnehmen. Die Lage in österreich war so, dass wir gar keine Lust an einer Silvesterfeier hatten. Es war schon Dienstag der 1. 1. 46 und jeder von uns fragte sich was werde ich zu Hause vorfinden und leben noch meine Angehörigen. Was wird das neue Jahr bringen.

Inzwischen war der 4. Jänner gekommen. Das war mein 3. Jahrestag meines Fluges aus Stalingrad mit einem Kampfbomber He 111. Das war für mich ein Erlebnis, denn es war der erste Flug in meinem Leben.

Am Sonntag den 13. 1. 46 wurden wir in die B Zone verlegt. Ich hatte schon genug von diesem Leben im Internierun. gslager,obwohl wir hier Bewegungsfreiheit und genug zu essen hatten. Zermürbend aber war diese Ungewissheit wie lange diese Internierung noch dauern wird. Ich fasste schon lange den Gedanken, wie ich von hier herauskommen kann. Zu Fuss war durch die Bewachung nicht zu kommen. Die südliche Grenze war der Ems–Jade Kanal. Die Brücken waren bewacht. Durchschwimmen bei Nacht, bei –20° C? Daran war nicht zu denken. Da machte ich mich mit einem Feldwebel aus Wien auf den Weg zur Grenze des Lagers, das bei Nacht jeden Zug von allen Seiten mit grossen Scheinwerfern beleuchtet. Die Züge wurden von den Amis durchsucht und mit Handscheinwerfern wurden auch die Fahrwerke abgesucht.

Also stiegen wir bei der letzten Station vor dem mit Scheinwerfern beleuchteten Übergang auf das Dach des Waggons und legten uns flach hin. Festgehalten haben wir uns an den Lüftungskappen am Dach. Am Anfang ging alles gut. Als wir zur beleuchteten Grenze gekommen sind, waren wir bei dieser Kälte schon so durchfroren, dass wir am ganzen Körper gescheppert haben. Dadurch konnten wir auch nicht verhindern, dass unsere Beine auf das Dach des Waggons getrommelt haben, wo unter uns die bewaffneten Amis nach flüchtenden Soldaten suchten und viele auch gefunden haben. Uns ist dieser Aufenthalt wie eine Ewigkeit vorgekommen. Der Zug aber ist nicht weggefahren. Die Fahrgestelle wurden aber nochmals abgeleuchtet. Jetzt dachte ich der Zug wird jetzt aber bald abfahren, denn von so vielen Scheinwerfern beleuchtet zu werden und ungeschützt am Dach zu liegen, das kann nicht gut gehen. Ich habe mich schon gesehen, wie ich vom Dach heruntergeholt werde und in einem Anhaltelager lande. Als sich der Zug (endlich in Bewegung setzte und die Scheinwerfer in der Ferne verschwanden, da habe ich aufgeatmen. Bei der nächsten Station sind wir steif wie Eiszapfen herunter gekrochen und haben im geheizten Wagen Platz genommen. Keiner der Eisenbahner fragte uns nach einer Fahrkarte. Wer hätte diese uns auch bezahlt?

Wir fuhren am 21. 1. 46 von oben weg bis nach Bremen und stiegen um in einen Zug, der Richtung Süden gefahren ist. Uns war egal wohin, nur fort von oben. Wir fuhren über Hannover – Kassel – Göttingen nach Frankfurt am Main. Dann weiter nach Ingolstadt, wo wir kurze Zeit in einem Lager waren, nach München. Von dort nach Reichenhall, wo wir dann mit mit einem Bus von den Amis in ein Lager nach Wegscheid bei Linz gebracht wurden. Da war für mich Endstation. Da wurde ich einem Ami–Leutnant vorgeführt, von dem ich dann meinen Entlassungsschein bekam. Vorher wollte er aber wissen, ob ich wirklich ein Wiener bin. Weil auch er Wiener ist und in der Leopoldstadt (2. wiener Gemeindebezirk) gewohnt hat. Zum Beweis sagte ich ihm wienerisch: Herr Lutenent (Lieutenant) wauns (wenn sie) Zwirnknäulerl sag'n könna, daun sans (sind sie) a echta Weana. Wauns woin (wollen) frogns mi weida. Wir mussten beide lachen. Er sagte nur: Das hat mir genügt – so long). Er überreichte mir den Entlassungsschein. So geschehen am 12. Februar 1946.

Am Mittwoch den 13. 2. 46 bin ich von Linz um 11 Uhr 40 weggefahren und bin am 14. 2. 46 um 6 Uhr Früh in Wien am Westbahnhof angekommen. Da noch keine Strassenbahn fuhr, wollte ich zu Fuss nach Hause in den 9. Bezirk gehen. Alle die bei der Haltestelle auf die erste Strassenbahn gewartet haben, haben mich gewarnt um diese Zeit ja nicht zu Fuss zugehen, da organisierte Verbrecherbanden aus dem Ausland, sogar Morde verüben, um zu etwas zu kommen, was sie brauchen konnten. Also habe ich auf die erste Strassenbahn gewartet, um nach Hause zu kommen. Ich war glücklich, dass meine Eltern am Leben waren. Mehr wollte ich zuerst gar nicht haben.