Kurier am Lazarettzug 816

Walther Zawodsky

Die Zeit nach STALINGRAD vom Jänner 43 bis März 44

Es war der 20. Jänner 1943, als wir mit unserem Hilfslazarettzug, der aus Viehwaggons bestand, in Krakau angekommen sind. Da hiess es wieder alles aussteigen und wurden zu einer Entlausungsstation gebracht. Das waren wir ja gewohnt. Wir mussten uns alle ausziehen und während unsere Kleidung, in der ohnedies keine einzige Laus mehr zu finden war, wieder entlaust wurde, kamen wieder ganz junge Schwestern, die uns mit preussischer Gründlichkeit jeden Teil von unserem Körper mit liebevoller Zärtlichkeit gewaschen haben, sodass man sich auf die nächste Entlausung direkt freuen konnte, ohne eine Lustbarkeitssteuer zahlen zu müssen. Leider wurden wir dann gleich zum Bahnhof gebracht, wo schon ein menschenwürdiger Zug auf uns gewartet hat, der uns mit einem kurzen Zwischenaufenthalt im Bahnhof Wien-Hütteldorf nach Aschaffenburg am Main brachte.

Dort angekommen, hat man uns gleich in das Reservelazarett der Stadt gebracht. Es wurde auf der Waage festgestellt, dass ich nur noch 41 kg Lebendgewicht hatte. Also hatte ich in Stalingrad genau 20 kg abgenommen. Aschaffenburg am Main ist eine bayerische Stadt mit 56 000 Einw. und liegt in Unterfranken. Die sehenswerten, historischen Bauwerke sind die im 12. Jahrhundert erbaute Stiftskirche und das Renaissanceschloss Johannisburg, der Sitz der Mainzer Erzbischöfe. Zwischendurch war Aschaffenburg im Besitz Österreichs und kam 1816 zu Bayern. Die Stadt liegt am Spessart, einem schönen, sagenreichen Bergland von 585 m Höhe. Soweit Aschaffenburg. Im Reservelazarett bemühte man sich um meine Rehabilitation, die nach einem halben Jahr mit Erfolg abgeschlossen werden konnte. Da ich nach einigen Wocben schon aufstehen durfte, bekam ich auch Ausgang. Da gab es dann auch keine Probleme, als mich meine Eltern besuchen kamen. Sie fanden ein nettes Hotel in der Nähe meines Lazarettes und wir gingen dann oft zusammen zu Mittag essen. Zu erzählen hatten wir ja einiges. Wir gingen viel durch die Gegend und ich zeigte ihnen die Bauwerke der Stadt, den Hafen und auch das märchenhafte Wasserschloss Mespelbrunn, was wenige Kilometer entfernt war. Wir wurden oft von amerikanischen Bomberverbänden überflogen ohne bei uns Bomben abzuwerfen. Fliegeralarm gab es aber bei uns trotzdem. Ich erholte mich gut und war froh nicht mehr an der Front zu sein. Meine Eltern blieben noch 2 Wochen, mussten aber dann nach Wien zurückfahren. Sie waren froh, mich gesehen zu haben und mit mir eine schöne Zeit verbringen konnten.

Für uns Soldaten gab es viele künstlerische Veranstaltungen. Im Stadttheater gab es einmal den „Raub der Sabinerinnen“. Der Direktor Striese, ein Sachse, wurde von einem echten Sachsen gespielt, der mit seiner sächsischen Aussprache hervorragend gewesen ist. Für mich war eines aber immer sehr peinlich. Die Stalingradkärnpfer hatten die vordersten Plätze und wir mussten immer geschlossen als Letzte den Theatersaal betreten. Dann kam von einem Offizier das Kommando: „Achtung, es kommen die Helden von Stalingrad“. Als wir hereinkamen mussten alle aufstehen. Da hätte ich mir am liebsten ein Loch im Fussboden gewünscht, wo ich hätte verschwinden können. Die Zeit meiner Genesung war gekommen, die 6 Monate waren um und ich konnte wieder nach Wien fahren.

Jenes Wien, welches ich verlassen habe, war nicht mehr das, was ich wieder gefunden habe. Ruinen wo man hinsah. Sehr getroffen hat mich der Anblick des zerstörten Stephansdomes und die ausgebrannte Oper. Ein Werk der amerikanischen Bombenflieger. Dabei haben diese Herren im Cockpit bessere Zielgeräte gehabt als jede andere Nation. Ich hätte bald „diese assholes“ gesagt.

Unsere Wohnung im 9. Wiener Gemeindebezir bekam in der Ecke des Wohnzimmers einen Volltreffer einer russischen Artilleriegranate, die die Eckmauer weggerissen hat. Dabei wurde auch ein in der Ecke stehender Glaskasten mit wertvollem Biedermeierporzelan getroffen. Der Glaskasten war bei der Weltausstellung 1873 in der historischen Rotunde ausgestellt. Alle Fenster der Wohnung waren geborsten und da es kein Glas gab, wurden die Fenster mit Ölpapier verklebt. Die nächste Ware waren Särge. Die Leichen, die man aus den Trümmern der Bombenruinen geborgen hatte, wurden in Decken gehüllt und im nächsten Park beerdigt.

Inzwischen wurde es Oktober 1943 und ich bin zu einem Italienischen Lazarettzug überstellt worden. Keiner, auch der Chef des Lazarettzuges, ein Stabsarzt, hatte keine Ahnung wo der Zug zu finden wäre. Auch die Kommandostelle in Berlin wusste nur, dass der Zug unter der Nummer 816 geführt wird, aber noch nicht einsatzbereit war. Man sagte nur, dass der Zug in einem der vielen Münchener Frachtenbahnhöfe stehe, wusste aber nicht wo. Also mussten wir alle nach München fahren und bei der Leitstelle fragen wo unser gesuchter Zug steht. Es hiess mit einem Lastwagen nach München -Trudering zu fahren wo ein Lazarettzug Nr. 819 steht, der uns zu unserem Zug 816 bringen soll. Alles war aus Angst vor Spionen streng geheim. Wir haben dann, wieder streng geheim, erfahren, dass wir mit unserem, den wir noch garnicht hattten, nach „Sette bagni“, auf deutsch „Sieben Bäder“, ein Ort bei Rom fahren sollten. Ich habe diesen Ort auf meinen Karten niemals gefunden. Vielleicht war dieser Ortsname garnicht existent, nur um Geheimagenten irre zu führen. In der Nähe von Rom haben wir unseren Treno Ospedale 816 auf einem Abstellgeleise gefunden, der aber absolut nicht einsatzfähig gewesen ist. Also musste der Zug in eine Reichsausbesserungswerkstätte (RAW) bei München gebracht werden. Auf der Fahrt von Rom nach München wurde mir ein neuer Offizier, ein Oberzahlmeister namens Dr. Palicek vorgestellt. Meinem Alten (ich meine natürlich meinen Chefarzt) blieb der Mund offen stehen,als er hörte, dass Dr. Palicek im Gymnasium mein Lateinprofessor gewesen ist.

Jetzt kamen unsere 10 vierachsigen Wagen (vormals 1. Luxusklasse) in die Obhut der Eisenbahn-Ingenieure, da nicht nur Inneneinrichtun umgebaut werden muss, sondern auch die Fahrgestelle, Kupplungen, Bremsen und Puffer auszutauschen sind. Da in Italien nur elektrisch beheizte Züge im Verkehr sind, müssen bei uns zusätzlich Dampfheizungen eingebaut werden, da es in Deutschland damals fast keine elektrifizierten Strecken gab. Ein Heizkesselwagen und geschultes Personal musste angefordert werden. Ein Wagen wurde als Küchen- und Speisewagen eingerichtet. Zusammen waren wir mit 2 Ärzten und einem Offizier 28 Mann. Die Mannschaftsabteile waren umgebaut für je zwei Mann, Offiziere für je einem Mann.

Da die Instandsetzung des Zuges mehr als 3 Wochen dauern sollte, war unsere Arbeit nicht genau zeitmässig so begrenzt. Ich hatte mir täglich so viel Zeit verschafft, um mir alles Historische genau ansehen zu können. Theater- und Museumsbesuche waren in meinem Zeltplan genau includiert. Als Hobbybiologe war für mich ein Hauptanziehungs-punkt der berühmte Tierpark von Hellabrunn an der Isar, der von den amerikanischen Bomben arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich erlebte hier viel, was ich bis heute nicht vergessen konnte. Die Tierpfleger kannten mich schon, da ich mit den kleinen und grossen Affen, die durch die bombenzerstörten Gehege frei herum liefen, Freundschaft geschlossen hatte. Und eines muss ich noch erwähnen. Nicht jeder der dies liestlwird es verstehen können - ich spreche mit den Tieren. Manche werden vielleicht denken oder sagen: „Der hat ja nicht alle Tassen im Schrank“, was nichts anderes bedeutet, als dass ich im Kopf nicht ganz richtig bin. Ich hatte kein Futter für diese Tiere. aber sie sind zu mir gekommen, setzten sich zu mir, oder setzten sich auf mich und hörten mir zu. Sie begannen mich zu graulen und durchsuchten meine Haare nach Läusen, die ich nicht hatte. Wenn ich zu sprechen aufhörte, hörten sie auf mich zu kraulen und schauten mich nur enttäuscht an. Wenn ich weiter erzählte, waren sie zufrieden und krabelten dann weiter auf mir herum. Was sie aber von mir verstanden haben war meine Zuneigung.

Da war auch noch ein kleiner, erst wenige Wochen alter Elefant, der mit seiner Mutter im Park von Hellabrunn aus Gründen der Bewegungstherapie,ausserhalb seines Geheges von seinem Tierpfleger herum gefür urde. Da erzählte mir der Tiepfleger, dass der kleine Ele-fant der erste in einem Zoo zur Welt gekommene Afrikaner ist. Die Zucht von indischen Elefanten hingegen sei für Zoologische Gärten weiter kein Problem. Der kleine Afrikaner hiess „Adi“. Ich streichelte Adi, habe mit ihm auch gesprochen und er beschnupperte mich mit seinem kleinen Rüssel ganz genau. So sind wir bekannt geworden. Ich dachte zuerst man hat ihm diesen Namen zu Ehren von Adolf Hitler gegeben. Nach Jahrzehnten kam ich nach Salzburg und besuchte das naurwissenschaftliche Museum „Haus der Natur“. Da sah ich in einem Schauraum hinter Glas einen kleinen afrikanischen Elefant, schön präpariert stehen. Davor stand eine Tafel: „Das ist Adji, der erste im Zoo von Hellabrunn in München geborene afrikanische Elefant, genannt nach dem ersten Menschen Adam, der im Jahr 1943 bei einem amerikanischen Bombenangriff ums Leben gekommen ist“. Das war drei Wochen nach dem ich mit Adi gesprochen und gespielt hatte. Tief in meinem Herz getroffen, habe ich das Museum verlassen, denn erst nach 13 Jahren habe ich gewusst, dass mein kleiner Freund tot war.

Mein italienischer Lazarettzug 816 war nach dem Besuch in Hellabrunn wieder einsatz-bereit. Ich war inzwischen Dolmetsch und Kurier auf der Strecke Rom - Berlin, Rom - Warschau und Rom - München. Wenn ich nicht als Kurier eingesetzt war. dann musste ich mit Verwundeten nach Deutschland fahren. Es war eine schlimme und traurige Arbeit. Die Soldaten starben in unseren Armen

Trotz allem habe ich viel von Italien gesehen und kennen gelernt. So sehr ich mich im Gymnasium über Latein als tote Sprache, in meinem jugendlichen Unverstand geärgert habe, war ich dann froh mit Latein eine wichtige Grundlage für andere Sprachen gefun-den zu haben.

Am Dienstag, den 30. 11. 43 war unser Zug 816 startklar und einsatzbereit. Alles wurde hergerichtet, Verpflegung gefasst und die Sanitätsbetten überzogen. Der Zug jetzt in München -Freimann sollte erst über Landshut - Regensburg - Pilsen - Kladno - Prag nach Warschau fahren. Da ich noch Zeit hatte fuhr ich nach München in die Stadt, rief zu Hause an und besuchte das Deutsche Museum auf der Isarinsel. Am 1. Dezember 43 war ich von 22 Uhr 45 bis 0 Uhr 35 in Prag. Von der Goldenen Stadt habe ich nur den Bahnhof gesehen, aber ich konnte sagen: „Ich war in der Goldenen Stadt!“ Weiter ging es über Glatz. Neisse, Radom, Kolomnice nach Warschau. Mit dem Oberzahlmeister Dr. Palicek fuhr ich mit einem LKW durch Warschau um neue Verpflegung. Da sah ich wenigstens die Stadt.

Inzwischen wurden Verwundete verladen. Es war der 4. Dezember 1943. Von Warschau ging es weiter über Dresden, Chemnitz, Hof, Regensburg, Landshut nach München. Am Weg wurden Verwundete in verschiedenen Lazaretten abgegeben. Am 8. 12. 43 musste ich als Kurier über Nürnberg und Halle an der Saale nach Berlin-Anhalterbahnhof. Mit dem Bus ging es dann zum „Grossen Stern“, einem der Wahrzeichen Berlins mit der Siegessäule, zu meinem Kommandostab „Unter den Linden“. Zurück ging es dann mit der U-Bahn zum Anhalterbahnhof. Berlin war durch die Bombenangriffe grauenhaft zerstört. Um 20 Uhr 30 fuhr ich mit einem D-Zug: in einem versperrten Kurierabteil über Nürnberg und Augsburg nach München, wo ich am 9. 12. 43 um 9 Uhr 30 vormittags ankam. Unser Lazarettzug 816 hatte auf mich gewartet. Dann ging es gleich nach Ingolstadt.

Nachdem ich von meiner Kurierfahrt übermüdet angekommen bin, hat mich der Alte auf Wache geschickt. Er betrachtete, dass so eine Kurierfahrt für mich ein Vergnügen sein müsste. Wie herrlich muss es für mich sein, in einem Abteil 1. Klasse mit Kuriergepäck in der Ablage und einer Handfessel links, an der eine 50 cm lange Stahlkette befestigt war, an der wiederum die ca 5kg schwere Kurieraktentasche, natürlich fest versperrt, die ich auf Schritt und Tritt mittragen musste. Wenn ich mein Abteil verlassen wollte, musste mich derSchaffner herauslassen, das Abteil wieder absperren und auf meine Rückkehr warten. Auf meinem Gang zum und vom WC war ich unbeaufsichtigt und nur an meine Kuriertasche gefesselt. Das war eine grobe Nachlässigkeit des Preußischen Geheim-dienstes. Alle meine Sachen, die ich aus Berlin heranschleppte, wurden mir in Rem abge-nommen. Wie ich erfahren habe, ist ein Grossteil der Schriftstücke auch für andere Kommandos bestimmt gewesen. Inzwischen wurde der Zug mit Verwundeten von der Schlacht in Monte Cassino beladen. Auf der Rückfahrt am 20. 12. 43 gab es in Belluno Fliegeralarm. Der Zug wurde in 2 Teile geteilt und von E-Bergloks über das Gebirge nach Pieve di Cadore gezogen. Zuerst wurden die Verwundeten ins Lazarett gebracht und die inzwischen Verstorbenen am Friedhof in die Leichenhalle gebracht. Danach wurde sofort die Rückfahrt angetreten. Diese ging über Castelfranco und Ferrara nach Castel Maggiore, wo wir über Weihnachten blieben. Am 23. 12. 43 musste ich mit dem Spiess nach Bologna fahren. Um 14 Uhr 40 waren wir wieder bei unserem Zug zurück.

24. 12. 43, Heiliger Abend. Am frühen Morgen kam der Chef zufir und hat mich scheissfreundlich in der Umgebung zu den Bauern zu gehen um Gänse zum Festessen zu besorgen. Ich sagte zu ihm: „Herr Stabsarzt, da bin ich sehr skeptisch. Was würde ihre Gattin sagen,wenn Sie ihr am Heiligen Abend mit dieser Idee kommen. Es ist bessertwir beide denken darüber weiter nicht nach. Das soll Qber nicht heissen, dass ich ihnen zuliebe diesen Versuch nicht unternehmen werde“. Er sagte zu mir „Bübchen“ nur sie mit ihrem Wiener Schmäh schaffen es und wenn die Bauern ihre eigene Sprache hören, dann werden sie gleich weich. Ich sagte ihm, dass ich mir den Kaiser Karl,unseren Wagen-meister mitnehme, denn der kann mich zurück tragen, wenn ich wo hinausfliege. „Bübchen“, sagte der Alte immer dann, wenn er von mir etwas wollte, oder wenn er abends angesoffen zurückgekommen ist.

So bin ich mit Kaiser Karl, meinem trinkfesten Eisenbahner aus Gmünd an der tschechischen Grenze, losgezogen um unser Glück zu versuchen. Den ersten Bauern habe ich gleich mit: „Buon giorno caro amico mio“ begrüsst. „Come sta? Siamo Austriaci di Vienna. Il nostro Treno Ospedale Italiano e nella stazione. Restiamo una settimana…“. Also hat der Bauer gleich gewusst woher wir sind und dass wir mit unserem Lazarettzug eine Woche hier bleiben werden.

Inzwischen war die ganze Familie um uns versammelt und sie haben uns nicht wegge-lassen, bevor wir nicht mit ihnen gegessen haben.

Bei gutem Essen und herrlichem Wein haben sie uns von ihren Sorgen erzählt. Da haben wir erfahren, dass unter dem gesamten Federvieh eine grande epidemia ausgebrochen ist, der im ganzen Ort die Hühner. Gänse und Enten zum Opfer gefallen sind. Von den Gänsen, die wir kaufen wollten habe ich dann nichts mehr gesagt. Sie gaben uns dann noch eine Flasche Wein mit. Wir verabschiedeten uns mit „mille grazie arrivederci“. So ging es uns überall. Wein wurde uns überall aufgewartet, aber mit Gänsen war nichts zu machen. Wir gingen einige Kilometer weiter nach Castelfranco. Dort haben wir endlich einen Bauerngefunden, der uns 2 Gänse verkauft hat. Ich bedankte mich sehr höflich und zahlte dem Bauern den doppelten Preis. Beim Abschied sagte er nur: „molto generoso signori e arrivederci“. Ich sagte nur : „Buon natale per la tut ta famiglia!“ und gingen den langen Weg zu unserem Treno Ospedale. Dort meldete ich mich mit unserem Wagen-meister beim Alten zurück. Dieser war froh, wenigstens 2 Gänse zu haben, als nur 2 Heimkehrer mit einem Rausch ohne Gänse. Ich habe dann noch 2 Stunden geschlafen bevor um 19 Uhr für uns das Weihnachtsfest begann. Das Essen war gut, aber von unseren Gänsen habe ich nichts angerührt. Jeder von uns bekam 100 Zigaretten, eine Flasche Wein, eine Flasche Schnaps und Bäckereien. Die Feier hat bis 2 Uhr Früh gedauert.

Ich habe gehört, dass unser Zug noch 2 Tage in Castel Maggiore stehen soll, habe ich beschlossen noch, nach Bologna zu fahren, um einige Schallplatten von Verdi Opern zu kaufen. Im Schallplattengeschäft war nur ein einziger junger Mann mit dem ich über Verdi ins Gespräch gekommen bin. Er war ungefähr so alt wie ich und fragte mich natürlich woher ich komme. Er meinte, ich müsste schon längere Zeit bevor ich zum Militär gekommen bin in Italien gelebt haben. oder ich hätte eine italienische Universität besucht. Zuerst glaubte er mir nicht. Dann erzählte ich ihm, dass ich vorher schon bei einem ehemals österreichischen Regiment, den Deutschmeistern Nr. 4 gedient habe. welches nach der deutschen Besetzugg Österreichs die Nr. 134 bekommen hat und in Stalingrad eingesetzt war. Was mich gewundert hat war. dass ihm sein Vater schon als Bub vom wienerRegiment der „Hoch- und Deutschmeister“ erzählt hat. Ich riskierte zu sagen, dass ich vom Krieg total angefressen bin und nichts mehr davon wissen wollte. Er erzählte mir, dass er und seine Freunde alle Kommunisten seien. In diesem Moment klopfte es an der Tür. Was ich aber nicht gewusst habe, hängte er bei Beginn unseres Gespräches eine Tafel „Chiuso“ in die Tür und sperrte zu. Als er die Tür aufsperrte kam ein netter junger Mann herein, der mir vorgestellt wurde. Die Tür wurde wieder verschlossen und die Tafel „chiuso“ (geschlossen) aufgehängt. Es war sein Freund, der ihn besuchte. Er erzählte ihm. dass ich auf einem italienischen Lazarettzug Kurier bin, der bald in die Reparatur kommen muss.

Beide haben versucht mich zu überreden bei ihnen im Untergund zu bleiben, da die Amerikaner schon im Süden Italiens gelandet sind. Der Krieg wird bald zu Ende sein, denn Hitler wird den Krieg nie gewinnen. Diese Zeit werden sie mich verstecken. Nach langen Gesprächen konnte ich die beiden von meiner Situation überzeugen. Sie hätten keine Ahnung was in meinem Fall gewesen wäre. Mein Chef vom Lazarettzug hätte sofort dem Reichssanitätskommando in Wien melden müssen, dass ich desertiert bin. Meine Eltern wären sofort verhaftet worden und vor ein Kriegsgericht wegen „Sippenhaftung“ gekommen. Die Vollstreckung des Todes durch das Fallbeil wäre nach dem Gesetz innerhalb von 24 Stunden durchzuführen gewesen. Ich hätte gelebt. aber meine Eltern hätte ich auf dem Gewissen gehabt. Meine beiden Italiener, die es mit mir gut gemeint hatten waren betroffen. Zum Abschied haben sie alle Opernplatten,die ich kaufen wollte. mir geschenkt.

Falls ich nach dem Krieg noch leben sollte, ersuchten sie mich, dass ich mich unbedingt bei ihnen melden muss. Doch leiderkonnte nichts daraus werden, da ich wedverNamen noch Adresse von ihnen gewusst habe. Für mich waren beide amici verace.

Nachher musste ich wieder einige Male ins Kampfgebiet um neue Verwundete zu holen. Meine Kurierfahrten nach Berlin habe ich dann nicht mehr gezählt. Wir wurden von amerikanischen Bomben bis zur Vernichtung eingedeckt, aber zum Glück landete kein Volltreffer auf unseren Zug. Jeder Waggon hatte über die ganze Breides Daches das Rote Kreuz gemalt, aber das störte die Amerikaner nicht. Es waren ja nur Deutsche. Für mich war dieser Krieg noch lange nicht zu Ende. In der Zeit, die ja sehr schnell vergangen ist, haben wir unzählige Einsätze gehabt. Auf jeden Einsatzbefehl aus Rom oder Berlin mussten wir warten, was bis zu 10 Stunden dauern konnte. In dieser Zeit musste der Zug gereinigt und für den nächsten Einsatz fertig gemacht werden. Manchmal kam aber der Befehl zur Abfahrt unerwartet schnell. Die Leitstellen kümmerten sich aber wenig, ob wir genug Lebensmittel und Trinkwasser fassen konnten. Inzwischen kam der 31. Dezember 1943. Wir lagen in Castellucchio und wurden für die Kampftruppen mit Kartons voll Konfekt beladen. Es müssen einige Tonnen gewesen sein. Sogar unsere Mannschafts-wagen wurden angefüllt. Wir fuhren bis Firenze. Dort wurde unser Zug ausserhalb des Bahnhofes auf ein Abstellgleis gestellt. Warum wusste auch der Chef nicht. Befehl kam von oben. Herr Stabsarzt sagte ich, oben ist nur der Liebe Gott, die Arschlöcher sind herunten. Er hat mir nicht widersprochen, sodass ich annahm, dass er meiner Meinung ist. Wir hatten keine Lust das zu Ende gehende Jahr 1943 zwischen Kartons zu feiern und gingen schlafen. Am 1. Jänner 44 wurden die Konfektkartons in einen anderen Zug verladen. Da so ein Umladen Stunden dauert, bin ich in die Stadt gegangen und habe den Dom mit der Kuppel von Brunelleschi mir angesehen. Unser Zug fuhr dann nach Mantua und Modena. Am 4. 1. 44 sind wir in Rom angekommen. Dieser Tag war auch mein erster Jahrestag meines Fluges aus Stalingrad.

Rom war offene Stadt und durfte ohne Passierschein vom Militär nicht betreter, werden. Also stellte ich mir einen Passierschein für dringende militärische Erledigungen aus, da unser Spiess in Breslau auf Urlaub war. Wer heute im Atlas Breslau sucht, wird Wroclaw finden. Also wohin in Rom? Für mich war der Besuch des Vatikans ein lange gehegter Wunsch. Doch wie hineinkommen? Der Weg in den Vatikan wurde von deutschen Fallschirmjägern abgesperrt. Auch diese durften vatikanischen Boden nicht betreten. Als die Bewachungstruppe vorbei war, habe ich meine Schirmkappe abgenommen und bin mit offenem Mantel, was kein Soldat getan hätte, mit einer Gruppe von Klosterschwestern, im Schutz der Kolonaden, ohne aufgefallen zu sein, zu einem der Hauptportale des Petersdomes gekommen. D. och da versperrte mir ein Hauptmann der Schweizer Garde den Weg und sagte so mir im besten Schwizer Dütsch: „Leidr kann ich sie als dütschen Soldaten nit nei lasse“. Darauf meinte ich in seiner Sprache: „Herr Haupmää, s’isch’n Irrtum, i bin nie ei Dütscher gsin. I bin ei Öscherreicher aus Wien“. Erst war er stumm, dann sagte er, wir warten nur bis die meischten Lüt weg sin. Der Bann war gebrochen. Er führte mich durch den Dom und erzählte mir, dass er aus dem Kanton St. Gallen kommt. Ich erzählte ihm,dass unser Staphansdom neben dem Petersdom, wie eine Kapelle wirkt, aber dass wegen seiner Gotik viele Besucher kommen. Er meinte, ja dann sind wir gar nicht so weit entfernt. Er führte mich dann noch um den Hochaltar. Beim Abschied meinte er ich soll mich ja nicht erwischen lassen , denn das würde für ihn sehr unangenehm werden. Ich hatte grosse Bedenken ihm ein Geld zu geben ohne ihn zu beleidigen. Ich gab ihm eine zusammengefaltete 100 Lire Note, die für mich und ihm damals viel Geld bedeutete. Er war sehr erfreut und sein Dank kam von Herzen.

Inzwischen hatten wir den 16. Jänner 1944. Über Pistoia sind wir nach Lucca gefahren. Fallschirmjägeralarm am Weg. Um 4 Uhr Früh sind wir in Lucca angekommen. Die Strecke war nur ca. 40 km lang, aber bei Alarm durfte nicht gefahren werden. Auf direktem Weg nach Firenze zu kommen war einfach nicht möglich. Keiner hat gewusst, welche Strecke befahrbar war. Um 10 Uhr gab es wieder Fliegeralarm, diesmal in Pontedera. Dort mussten wir durchfahren. Wir standen auf der Strecke, durften nicht weiterfahren und den Angriff erst abwarten. Die Italiener flüchteten aus der Stadt, zu Fuss, mit Fahrrädern, Pferdewagen, Lastwagen und sogar Leichenwagen waren überfüllt. Um 11 Uhr 15 gab es Entwarnung. Unser Zug fuhr auf Nebengeleisen durch die Stadt. Der Bahnhof war total zerstört. Lokomotiven sind auf Waggondächern gelegen und andere lagen quer über den Schienen. Um 12 Uhr 10 gab es den 4. Alarm. Wir standen schon ausserhalb der Stadt auf freiem Feld, als uns 90 Bomber überflogen. Wir flüchteten auf die Felder und suchten in Wassergräben liegend Deckung. Erst um 15 Uhr gab es Entwarnung. Im Zug bekam dann jeder von uns eine Dose mit 1 kg Marmelade. Warum hat keiner gewusst, vielleicht war es eine „Tapferkeitsauszeichnung“ oder eine Geste um wieder Freud am Krieg zu bekommen? Um 17 Uhr waren wir endlich in Firenze. Mit Kaiser Karl habe ich gleich einen Luftschutzkeller gesucht, was auch notwendig war, denn der 5. Fliegeralarm war da. Während dessen kam von irgendwo erdaher gelaufen. Alle. mussten zum Zug zurück kommen und keiner durfte den Zug verlassen. Das war wieder so ein geistreicher Befehlvom Alten! Ich blieb mit Kaiser Karl vor dem Zug stehen, um gleich in Deckung gehen zu können. Der Chef wollte immer als Vorbild der Tapferkeit bei uns gelten. Das konnte er bald beweisen. Als die ersten Leuchtbomben an den Fallschirmen langsam zur Erde schwebten, lief er wie verrückt im Zick-Zack erst davon, dann wieder zurück. Ich dachte mir, das kann nur Tapferkeit sein, um die Leuchtbomben irre zu führen. Den wahren Grund hatte ich bald herausgefunden. Er lief zum Heizwagen,schickte die Heizer weg und nahm ein Bad. Aus Tapferkeit hat er sich angeschissen und musste sich seine Tapferkeit erst aus der Unterwäsche herauswaschen. Und die Moral von der Geschicht ? Stuhl verlieren soll man nicht! Bis 22 Uhr kreisten die Bomberstaffeln über der Stadt, ohne auf eine Luftabwehr zu stossen.

Da der Zug nicht mehr voll einsatzfähig war, hätte er nach München gebracht werden müssen. Der Alte wollte aber unbedingt den Zug in Italien wieder einsatzfähig machen lassen, da er dann 6 Monate voll im Einsatz gewesen wäre, um Oberstabsarzt zu werden.

Nach Rom konnte vorläufig nicht gefahren werden, da die Strecke unterbrochen war. Vier Lazarettzüge standen unten und konnten nicht herauf. Auch Gefreiter Hala aus Linz, der unsere Post abgeholt hat, konnte nicht herauf. Mir kam das Ganze wie die Vorbereitung zu einer Invasion vor. Der Stabsarzt wollte unbedingt, dass ich ihm die Sehenswürdigkeiten von Florenz zeige. Meinen Vorschlag, statt mich unseren Schneider oder Schuster mitzunehmen, hat er als schlechten Scherz abgetan.

Privat war er ein anderer Mensch. Da ich gut aufgelegt war, fragte ich ihn, warum die Soldaten und jungen Offiziere alle mich grüssen. Er lachte nur und meinte: Das war wieder typisch „Bübchen“ ! Der Dom ist ein im gotisch-romanischem und toskanischem Renaissancestil geschaffenes Bauwerk. Der Dom trägt die grösste Steinkuppel der Welt. Die freizügigen Fresken sind von Michelangelo. Die grosse Uhr hat Galileo Galilei geschaffen. Der Dom hat den Namen Santa Maria del fiore. Wir besuchten auch die Kirche „Santa Cruce“, wo die Leichen von Michelangelo, Galilei und Dante Aleghieri ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

An jenem Abend, als ich von unserem Stadtrundgang mit dem Stabsarzt zurückgekommen bin, wurde ein Gefreiter namens Hänel, also ein Kollege von uns,zum Unteroffizier befördert.

Am nächsten Tag hatte ich UvD (Unteroffizier vom Dienst). Ich musste den ganzen Tag in einem neuen Gepäckswagen, den wir erst bekommen haben, arbeiten. Wie ich erst später erfahren habe, war dies eine Strafe für mich, da sich der erst wenige Stunden alte Unteroffizier beim Herrn Stabsarzt beschwert hatte, dass ich nicht zu ihm „Guten Morgen“ gesagt hätte. Weiters sagte er zum Chef, dass keiner seiner Kameraden mehr „Du“ sagen dürfe, sondern nur „Sie“. Da dieser senile Idiot von einem Chef nicht gleich gefragt hat, was er sich denn eigentlich einbildet, sich wie ein Reichsmarschall zu gebärden, hat er ihm gleich gesagt, diese „Unhöflichkeiten“ abzustellen. Jetzt habe ich nur auf den Augenblick gewartet,Hänel ohne Zeugen, meine Meinung zu sagen. Als die Gelegenheit kam, habe ich ihn gleich angebrüllt: „Nehmen sie Haltung an, wenn ich mit ihnen spreche und halten sie ihr stinkendes, ungewaschenes Maul.“ Er hat nur nach Luft geschnappt und wollte was sagen. Ich sagte nur : „Schnauze! Sie haben sich selbst zur lächerlichen Schiessbudenfigur degradiert. Weil sie auch im privaten Leben versagt haben und wahrscheinlich nicht einmal eine Hilfsschule beenden konnten. Aber jetzt sind sie der Meinung beim Militär es zu etwas gebracht zu haben. Sie haben es zu etwas gebracht, zu einem lächerlichen Volltrottel, den ich nur verachten kann. Melden sie das alles dem Chef und die Zeugen, die das bestätigen können. Mit mir können sie nicht rechnen, denn ich war ja nicht anwesend, noch in der Nähe. Und jetzt treten sie ab. Marsch!“ Er blieb wie angewurzelt stehen, brachte kein Wort heraus, und schnappte nur nach Luft. Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Am selben Tag sagte noch der Alte zum mir, dass alles erledigt ist. Was die Ursache zu diesem Entschluss gewesen war, weiss ich nicht.

Während eines Fliegeralarms mussten wir alle im Zug bleiben, damit wir bei einem Volltreffer wenigstens alle gleichzeitig tot sind Das war ein Befehl vom Alten. Gleichzeitig schickte er in stock finsterer Nacht zwei Mann einen Luftschutzkeller zu suchen. Wie sollten diese beiden Männer ohne Nachtsichtgeräte so etwas finden. Da hätten sie entweder Fledermäuse oder nachtaktive Schlangen sein müssen. Typisch . für den Herrn Chef. Da dichter Nebel herrschte, konnten weder Bomben noch Leuchtfall schirme abgeworfen werden. Ich habe mich zur Ruhe begeben und bis zum Morgen durchgeschlafen. Entwarnung soll um 23 Uhr gewesen sein. Heute Nacht haben wir Firenze Richtung Arezzo verlassen. In Arezzo waren furchtbare Zerstörungen zu sehen und in der ganzen Gegend sollen noch hunderte Bomben mit Zeitzündern liegen, wo keiner weiss wann die explodieren. In Todi mussten wir die ersten vier Lazarett wagen mit tausenden Schuhen beladen, was nach lnternationalem Gesetzen verboten gewesen wäre. In San Gemini,was nur 35 km entfernt war, mussten wieder die tausenden Paar Schuhe ausgeladen werden. Da die Bahnstrecke von Rom wieder befahrbar war, wurden der Spiess und Hala wieder zu uns nach San Gemini beordert. Endlich habe ich wieder Post aus Wien bekommen.

23. 1. 44 . San Gemini. Da der Zug mit den Schuhen entladen war, wurde er während der Nacht für den nächsten Einsatz wieder in Ordnung gebracht. Um 7 Uhr Früh wurde mit dem Einladen der gehfähigen Verwundeten begonnen. Dann begann die Verladung der Schwerverwundeten.

Bis 24 Uhr dauerte die Verladung. Der Zug mit den Verwundeten musste in 3 Teilen nach Todi gebracht werden, da im Verladungsort dieser Kleinstadt im Gebirge der Bahnhof für unseren Zug viel zu kurz war. Erst in Todi konnte der Zug wieder zusammen gesetzt werden. Lange nach Mitternacht haben wir unser erstes Essen bekommen. Um 1/22 Uhr Früh haben wir uns erst totmüde hinlegen können.

Es war schon der 24. 1. 44. Weiter ging es über Arezzo, Firenze, Prato, Bologna, Ferrara, Padova bis Belluno.

25. 1. 44. In Belluno bis 11 Uhr gestanden. Dann bis Pieve di Cadore gefahren und die Verwundeten und inzwischen Verstorbene ausgeladen.

27. 1. 44. Bis 22 Uhr UvD gehabt. Während die anderen dienstfrei hatten

und nach Cortina d‘Ampezzo gefahren sind, hatte ich Dienst. Um 9 Uhr von Pieve di Cadore über Belluno, Castelfranco, Vicenza nach Verona abgefahren. Hier wurden die geschlechtskranken Offiziere ausgeladen. Der Alte war wütend, bezeichnete sie nur als ehrlose Schweine, die man erschiessen sollte, während tapfere Soldaten im Kampf verbluten, huren diese versoffenen Schweine im Hinterland herum. Ich sagte vor diesen Offizieren zum Alten: Herr Stabsarzt warum erschiessen? Einfach die Eier abschneiden und ab ins Gefängnis. Der Alte meinte, da haben sie recht, aber ohne Narkose, und dann sollen sie sehen was sie bei den Huren noch ausrichten können. Nur den Pimmel abschneiden wäre für diese Schweine zu human, denn da verbluten sie innerhalb weniger Minuten und da würden sie sich auch die Blamage bei den Huren dann später erparen. Das alles mussten sich die Herren Offiziere anhören. Zum Abschluss brüllte sie der Alte noch an: Und jetzt verschwindet ihr ehrlosen Schweine, im Lazarett habe ich Euch schon telefonisch beim Chefarzt angemeldet. Die schlechtesten Kammern sollen für Euch noch zu gut sein. Verschwindet vor meinen Augen. Euch will ich nie wieder sehen. Da ich die Kämpfe in Stalingrad selbst erlebt habe, konnte ich dem Alten in diesem Fall nur recht geben.

Am 28. 1. 44 sind wir nach Mailand gekommen. Es war 3 Uhr 40 früh. Für mich gab es nur eines, den Dom zu besichtigen. Er ist der schönste gotische Dom Italiens. Bis Mittag war ich von der Besichtigung schon sehr müde. Ich kehrte dann in der Wehrmachtsgaststätte ein, hatte ausgezeichnet gegessen und war froh zu unserem Zug zu kommen der am Hauptbahnhof stand.

Am 30. 1. 44 wurde der Zug nach Voghera in das Ausbesserungswerk gebracht und in eine grosse Halle gezogen.

2. 2. 44 Voghera. Alle Wagen mussten ausgeräumt und desinfiziert werden. Einige von uns wurden zu Gefreiten befördert, was natürlich auch gefeiert wurde. Mit Hala aus Linz war ich bis 23 Uhr beisammen. Von da an hatte ich bis 3 Uhr früh Wache. Am 8. 2. 44 hatte ich wieder Wache gehabt. Der Kontrollweg war einige Kilometer lang, da jeder Wagen in einer anderen Halle stand. Ich war ja nicht wahnsinnig diesen Weg zu Fuss zu gehen. Ich nahm mir einen der dort stehenden Elektrokarren und fuhr mit einem Handscheinwerfer die von mir zu kontrollierende Strecke ab. Um 16 Uhr hatte ich in meinem Wagen die Batterie gewechselt und eine Batterie hat ein Gewicht von zirka 40 kg und so eine ist mir auf den Mittelfinger der linken Hand gefallen. Es war zum Glück kein Knochenbruch, sondern eine arge Quetschung mit Bluterguss, die sehr schmerzhaft ist. Trotzdem bin ich zum Friseur gegangen, allerdings mit Verband.

Am 10. 2. 44 wurden einige Waggons von unserem Zu von Gleis 12 auf das Gleis 22 geschoben. Es war gut für mich das gesehen zu haben, denn sonst wäre ich beim nächsten Wachdienst mit dem Elektrokarren das ganze Werksgelände abgefahren um unsere Waggons zu finden. Das Gelände war ja riesig gross. Um 7 Uhr früh bin ich mit Kaiser Karl auf die Post gegangen um Briefe für uns aufzugeben. Am Weg haben wir für uns je 1 Liter Moscato gekauft, um für Mittag zum Essen auch einen guten Tropfen Wein zu haben. Im Werk haben wir dann unsere Heizer Hans Zloch und Hans Zodl getroffen. Die beiden erzählten uns, dass der Alte den Oberzahlmeister und Gerhard Woch nach Berlin geschickt hat. Alle 3 waren noch hier und ich wollte wissen, was hier gespielt wird. Ich bin gleich zum Offizierswagen gegangen und wollte beim Chef anklopfen. Ich hörter im richtigen Moment, wie der Chef zum Oberzahlmeister sagte: Eigentlich ist es garnicht notwendig bis Berlin zu fahren, denn ich habe hier einige Packete, die sie bei meiner Frau abgeben können. Jetzt habe ich gewusst wohin der Hase läuft. Er nannte seine Heimatadresse, die aber niemals auf der Strecke nach Berlin lag. Und wenn die Pakete meiner Frau übergeben wurden, dann sind sie beide selbstverständlich unsere Gäste und können sich bis zum nächsten Tag richtig ausruhen. Gästezimmer mit Bad haben wir ja und unser Mädchen wird sich um sie kümmern. Das Selbstwertgefühl unseres Chefs ist gestiegen; er wurde um 2 cm grösser. Offizier mit Untergebenem bringt Pakete der Gattin des Chefarztes.

12. 2. 44 Voghera. Nachmittag Post aus Wien bekommen. Nachldem ersten Fliegeralarm kam um 20 Uhr der zweite. In der Nachbarortschaft sind 2 Bomben nieder gegangen. Wir sind dann auf der strada nazionale in die andere Richtung gegangen und fanden eine Trattoria „Cavallo Bianco“. Ein Gasthaus „Zum weissen Rössl“. Bis 24 Uhr habe ich mich mit einer netten Italienerin, die ungefähr so alt war wie ich, unterhalten. Sie hat sich nur gewundert wieso ich mich mit ihr in ihrer Sprache unterhalten konnte. Die anwesenden Italiener dürften dann uns zu Ehren das Lied von der „Lili -Marlen“ angestimmt haben. „Tutte le sere sotto quel fanal con te Lili-Marlen“. Als ich auch noch den Text mitgesungen habe, ist mit ihnen ihr Temperament durchgegangen. Sie sagten ich wäre ein Compagnone, ein Italiano vero. Compagnone bedeutet sowohl, „ein lustiger Kerl“, als auch ein „Genosse“. Was sie damit gemeint haben weiss ich nicht,es war aber positiv gemeint. Dabei muss ich aber g'estehen, dass das Mädchen erst kurz vorher den italienischen Text in mein Kriegstagebuch geschrieben hat.

Mitternacht war schon vorbei als ich mit meinen Kameraden vom Cavallo Bianco zu unserem Schlafwagen gekommen bin.

14. 2. 44 Voghera. Zur Kurierfahrt nach Berlin habe ich alles vorbereitet ebenso Gerhard Woch, den ich wieder mitnehme. Um 13 Uhr gab es Grossalarm, da amerikanische Geschwader im Anflug waren. Nach 2 Stunden sind die Bomber wieder abgedreht. Um Punkt 21 Uhr bin ich mit Wach abgefahren. Es ging über Pavia nach Milano.

15. 2. 44. Der Militärexpress fuhr über Verona, Padua, Udine, Tarvis, Villach, Klagenfurt, Leoben nach Wien Süd, wo wir um 23 Uhr 15 angekommen sind. Vom Bahnhof habe ich sofort zu Hause angerufen. Inzwischen war schon der 16. 2. 44. Wien. Es war 0 Uhr 30, als wir in unsere Wohnung kamen. Die Freude meiner Eltern war grass uns zu sehen. Nach kurzem Gespräch fielen uns die Augen zu und es war Zeit schlafen zu gehen. Vielleicht glaubte der Alte, dass Kurierfahrten eine Erholung sind. Nach dem Frühstück ging ich mit Woch zum Postamt, um. unsere private, als auch die Dienstpost aufzugeben. Dann trennten wir uns.

Woch schaute sich Wien an und am Abend trafen wir uns wieder bei uns. Ich war mit Besuchen und Gegenbesuchen mit Freunden und Verwandten voll eingedeckt. Es war wieder Mitternacht bis wir ins Bett kamen. 17. 2. 44. Wien. Mittwoch um 7 Uhr 16 vom NW Bahnhof abgefahren. Wir fuhren über Znaim, Iglau, Kolin und Reichenberg nach Zittau in Sachsen, wo wir um 18 Uhr bei den Eltern von Woch angekommen sind. Ich legte mich um 21 Uhr nieder, denn die Familie möchte ja auch ungestört sein.

18. 2. 44 Zittau in Sachsen. Um 6 Uhr aufgestanden und um 7 Uhr 37 mit einem Eilzug nach Berlin gefahren, wo wir um 14 Uhr angekommen sind. Wenn man sich in Berlin gut auskennt, dann kann alles schnell erledigt werden. Wir hätten einen 20 kg schweren Rundfunkempfänger mitbringen sollen, der von einer Dienststelle abzuholen gewesen wäre. Wir gingen zu dieser Strasse der Dienststelle, die in einem Villenviertel gelegen ist. Die Villen waren alle von Bomben zerstört gewesen. Ich ging keinen Schritt weiter. Ich bin doch nicht verrückt mich für den Alten abzuschleppen. Ich sagte zu Woch : „Siehst du hier ein ganzes Haus stehen“? „Nein“ sagte er „aber bei dem zerbomten Haus wo wir hin sollen steht eine Tafel. Die werden vielleicht im Keller sein?“ Ich sagte zu Woch : „Wenn ich keine Tafel gesehen habe, dann hast du bestimmt auch keine gesehen! Und wenn hier eine Dienststelle wäre, wer würde für den Alten diese 20 kg schwere Radiokiste tragen ? Ich jedenfalls nicht! Darum frage ich dich nochmals: „Hast du eine Tafel gesehen?“ Er sagte ganz kleinlaut: „Nein, ich habe hier keine Tafel gesehen“. „Dann ist ja alles in Ordnung, denn ich habe auch keine gesehen“. Also dann schnell zum Zug nach München. Die Post die wir haben ist für uns schwer genug.

In München von einem Lazarett private Wäsche vom Alten geholt. Um 17 Uhr zum Zug gegangen und um 23 Uhr am Brenner Geld gewechselt.

20. 2. 44 Verona. Von 5 Uhr früh bis 11 Uhr auf Anschluss gewartet. In Milano um 16 Uhr angekommen und um 17 Uhr abgefahren. Ankunft in Voghera um 19 Uhr. Von 21 bis 24 Uhr waren wir im Cavallo Bianco. Es war ein netter Abend bei Musik und Tanz.

Am 21. 2. 44 in Voghera. Bis 10 Uhr geschlafen, dann dem Alten Bericht erstattet über Bombenangriffe in Berlin uno dass es nicht möglich war zur Dienststelle, wo wir den Rundfunkempfänger hätten holen sollen, durchzukommen. Der Alte hat sich geärgert, daß wir aus Berlin für ihn keinen mitgebracht haben. Er verlangte von mir ich soll zirka 2000 Liter Wasser besorgen und zum Zug bringen, ein Ansinnen was ihn für undurchführbar schien und ich niemals werde machen können. Ich dachte mir nur für alle Fälle ein berühmtes Zitat von Goethe! Wozu habe ich von meinen Eisenbahner Kameraden gelernt eine unter Dampf stehende Lokomotive auch in Bewegung zu setzen. Ich war zufällig vorher am Verschiebehahnhof vorbeigekommen und habe dort eine unter Dampf stehende Verschublok stehen gesehen. Sie war an keinen Waggon angekuppelt. Obwohl auf den Fahrstrecken alles elektrifiziert ist, waren beim Verschub nur kleine Dampfloks eingesetzt. Ich wa. r sehr froh, denn eine E-Lok hätte ich nicht bedienen können. Ich bin so schnell ich konnte zurück gelaufen und hinauf auf die Lok. Ich habe mir zuerst den Führerstand angesehen und dannden Dampfhebel langsam nach vorne geschoben. Die Lok setzte in Bewegung. Weit und breit war kein Eisenbahner zu sehen, der mir hätte helfen können. Die Weichen waren alle händisch zu bedienen. Zu meinem Glück. Beim ersten Wasserkran blieb ich stehen. Ich musste nur den Dampfhebel auf Ostellen und die Lok stand.

Am Bremsenrad musste ich nicht drehen, da das Werksgelände ganz flach war und kein Waggon und keine Lok sich selbständig machen konnte. Ich öffnete die Wasserklappen und schwenkte den Zulauf des Wasserkranes über den Tank. Jetzt musste ich das Wasserrad finden um die beiden Tanks voll zu bekommen. Das war einfach, denn wenn ein Tank voll war und das Wasser übergelaufen ist wurde der Arm des Wasserkranes auf die andere Seite geschwenkt und der andere Tank gefüllt. Das Füllen ist schneller gegangen, als ich gedacht habe. Das Wasser des Kranes wurde mit dem Wasserrad abgedreht und die Wasserklappen der Tanks zugeklappt. Das überflüssige Wasser schwabbt dann über. Die Lok wurde in Gang gesetzt. Jetzt hiess es die Lok neben den Zug zu bringen. Einige Weichen mussten gestellt werden. Das heisst stehen bleiben, herunter von der Lok,Weiche stellen, hinauf auf die Lok und weiter fahren. Neben unserem Heizwagen angekommen, stand schon Hans Zloch, der Heizer. neben der Lok. Er gratulierte mir zu meiner ersten Lokfahrt und war froh, dass alles geklappt hat. Er hatte Angst, dass ich bei einer falsch gestellten Weiche entgleisen könnte. Als der Alte erfuhr,dass ich das Wasser mit der Dampflok gebracht habe war er wütend. Was hat er sich denn vorgestellt. Wahrscheinlich wollte er mich nur ärgern, damit ich ihm sage: Bitte das kann ich nicht. Ich habe dem Chef angeboten ihn zu zeigen, mit einer Dampflok zu fahren. Mit einem roten Kopf hat er sich umgedreht und ist verschwunden. Er hat mich dann einige Tage nicht angeschaut.

22. 2. 44 Voghera. Nachmittags einkaufen gewesen. Dann mit Kaiser Karl im Cavallo Bianco. Erminia das Salz gegeben, welches ich ihr versprochen habe aus Berlin mitzubringen.

Um 17 Uhr wurden die Waggons aus der Officina zum Bahnhof gezogen. Um 1 Uhr nachts, am 22. 2. ist unser Zug von Voghera abgefahren.

23. 2. 44. Um 13 Uhr in Milano angekommen. Aus Wien sind 11 Mann zur Ablöse eingetroffen. Für die Weiterfahrt musste noch hier in Milano Verpflegung zum Bahnhof gebracht werden. Mit einem Elektrokarren habe ich dann die Wagen mit der Verpflegung über einen Frachtenaufzug zum Bahnsteig unseres Zuges gebracht. Der Alte fragte mich, ob ich mit so einem Elektrokarren umgehen könne. Ich sagte ihm er werae es sofort sehen, wenn die nächsten vollgeladenen Anhänger mit dem Ladegut auf den Schienen liegen und der Fahrbetrieb im Bahnhof eingestellt werden muss, dann kann ich keinen Elektrokarren bedienen. Wieder einmal hat der Alte mich mit einem hochroten Kopf verlassen.

24. 2. 44. Über Brescia und Verona abgefahren. Habe Wagen 3 bekommen.

25. 2. 44. Udine. Wagen 1 und 2 beladen. 26. 2. 44. In Pörtschach und Klagenfurt ausgeladen. Mit Hala, unserem Linzer, in die Stadt gegangen und auf der Post unsere privaten Pakete aufgegeben. Hala habe ich dann in der Stadt am Hauptplatz den Lindwurm, das Wahrzeichen von Klagenfurt gezeigt. Hier heisst er allerdings „Der Tatzlwurm“.

27. 2. 44. Von Klagenfurt abgefahren. In Velden wurde der Zug bei einer Notbremsung in drei Teile zerrissen. Abends wurde der Zug in Villach repariert. Dadurch konnten wir die Stadt besichtigen. Über Arnoldstein nach Tarvisio (das ehemals österreichische Tarvis) gefahren. Ab 24 Uhr Wache gehabt.

28. 2. 44. Über Udine, Treviso, Vicenza und Brescia nach Milano gefahren, wo wir um 20 Uhr 30 angekommen sind.

29. 2. 44. Milano. Mit dem Spiess, Pacher aus Breslau, in der Stadt Schallplatten gekauft, die wir erst später in einem italienischen Lazarettzug abspielen konnten, da wir in unserem Zug keinen Plattenspieler hatten.

Um 17 Uhr 30 in der Stazione Centrale Milano mit Erminia Salice zusammen getroffen. Es war das letzte Rendezvous mit Erminia. Um 20 Uhr grosses Eisenbahnunglück. Wir wurden mit einem Hilfszug zur Unfallstelle gebracht. Solche Anblicke muss man gewohnt sein um nicht die Nerven zu verlieren. Zloch hat mich begleitet. Ich war so sehr mit Blut verschmiert, dass ich mich im Heizwagen waschen musste. Viele werden diesen Unfall nicht überlebt haben. Um 22 Uhr 45 ist unser Zug nach Wien abgefahren. Mit den Nerven so ziemlich fertig, konnte ich keinen Schlaf finden. Die Blicke der Sterbenden werde ich nicht vergessen. Vor kurzer Zeit sassen sie nach schwerer Arbeit im Zug auf dem Weg zu ihren Lieben nach Hause. Jetzt hat sich für sie das Tor des Todes in ein besseres Jenseits geöffnet. Ich habe viel erleben müssen, aber zwischen Tod und Tod ist ein grosser Unterschied. Man muss alles erlebt haben um das begreifen zu können. Es war bereits nach Mitternacht, als der Zug am 2. 3. 44 am wiener Südbahnhof eingefahren ist.

3. 3. 44. Bei den Schwiegereltern von Oberzahlmeister Dr. Palicek ein Paket vom Alten abgeben, dann zu Hans Zloch seiner Tochter Rosa gef. und ein Paket von ihrem Vater gebracht.

4. 3. 44 um 9 Uhr 28 vom Ostbahnhof abgefahren. Prerau, Oderberg, Oppeln. In Breslau um 17 Uhr 17 angekommen. Zur Wohnung vom Spies Rio Pache gefahren und Sachen von ihm aus Italien hingebracht. Nachtmahl bei seinen Eltern gegessen und dort geschlafen.

5. 3. 44. Breslau. Abfahrt 4 Uhr früh. Sagan, Frankfurt/Oder. 9 Uhr in Berlin Friedrichstrasse beim Arbeitsstab. Im Kino „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann gesehen. Beim ZOO spazieren gegangen. In einem guten Restaurant gegesssen. Um 18 Uhr 20 mit SF Zug über Halle a. d. Saale Richtung München gefahren.

6. 3. 44. Weiterfahrt über Nürnberg und Augsburg nach München, wo ich um 7 Uhr angekommen bin. Sofort zu Oberregierungsrat Dr. Reuter und dessen Gattin Herta gefahren und ein Paket vom Alten abgegeben. Auf der Transport-Kommandantur den Alten getroffen.

Vom 7. 3. bis bis 8. 3. 44 in Garmisch-Partenkirchen verbracht. Mit dem Spiess herumgezogen und uns gut unterhalten. Um 9 Uhr vorm. am 10. 3. 44 nach Rosenheim gefahren, da der Zug entlaust und desinfiziert wurde.

Am 11. 3. 44 bin ich mit Hans Zloch zum Bahnhof gegangen, um den Zug nach Wien zu erreichen. Um 12 Uhr 30 fuhr der Zug in Wien Westbahnhof ein. Kein Mensch konnte uns erwarten, da niemand wusste, dass wir kommen. Endlich konnten wir unseren Urlaub antreten.

 

 

 

 

Es war der 20. Jänner 1943, als wir mit unserem Hilfslazarettzug, der aus Viehwaggons bestand, in Krakau angekommen sind. Da hiess es wieder alles aussteigen und wurden zu einer Entlausungsstation gebracht. Das waren wir ja gewohnt. Wir mussten uns alle ausziehen und während unsere Kleidung, in der ohnedies keine einzige Laus mehr zu finden war, wieder entlaust wurde, kamen wieder ganz junge Schwestern, die uns mit preussischer Gründlichkeit jeden Teil von unserem Körper mit liebevoller Zärtlichkeit gewaschen haben, sodass man sich auf die nächste Entlausung direkt freuen konnte, ohne eine Lustbarkeitssteuer zahlen zu müssen. Leider wurden wir dann gleich zum Bahnhof gebracht, wo schon ein menschenwürdiger Zug auf uns gewartet hat, der uns mit einem kurzen Zwischenaufenthalt im Bahnhof Wien-Hütteldorf nach Aschaffenburg am Main brachte.

Dort angekommen, hat man uns gleich in das Reservelazarett der Stadt gebracht. Es wurde auf der Waage festgestellt, dass ich nur noch 41 kg Lebendgewicht hatte. Also hatte ich in Stalingrad genau 20 kg abgenommen. Aschaffenburg am Main ist eine bayerische Stadt mit 56 000 Einw. und liegt in Unterfranken. Die sehens-werten, historischen Bauwerke sind die im 12. Jahrhundert erbaute Stiftskirche und das Renaissanceschloss Johannisburg, der Sitz der Mainzer Erzbischöfe. Zwischendurch war Aschaffenburg im Besitz Österreichs und kam 1816 zu Bayern. Die Stadt liegt am Spessart, einem schönen, sagenreichen Bergland von 585 m Höhe. Soweit Aschaffenburg. Im Reservelazarett bemühte man sich um meine Rehabilitation, die nach einem halben Jahr mit Erfolg abgeschlossen werden konnte. Da ich nach einigen Wocben schon aufstehen durfte, bekam ich auch Ausgang. Da gab es dann auch keine Probleme, als mich meine Eltern besuchen kamen. Sie fanden ein nettes Hotel in der Nähe meines Lazarettes und wir gingen dann oft zusammen zu Mittag essen. Zu erzählen hatten wir ja einiges. Wir gingen viel durch die Gegend und ich zeigte ihnen die Bauwerke der Stadt, den Hafen und auch das märchenhafte Wasserschloss Mespelbrunn, was wenige Kilometer entfernt war. Wir wurden oft von amerikanischen Bomberverbänden überflogen ohne bei uns Bomben abzuwerfen. Fliegeralarm gab es aber bei uns trotzdem. Ich erholte mich gut und war froh nicht mehr an der Front zu sein. Meine Eltern blieben noch 2 Wochen, mussten aber dann nach Wien zurückfahren. Sie waren froh, mich gesehen zu haben und mit mir eine schöne Zeit verbringen konnten.

Für uns Soldaten gab es viele künstlerische Veranstaltungen. Im Stadttheater gab es einmal den „Raub der Sabinerinnen“. Der Direktor Striese, ein Sachse, wurde von einem echten Sachsen gespielt, der mit seiner sächsischen Aussprache hervorragend gewesen ist. Für mich war eines aber immer sehr peinlich. Die Stalingradkärnpfer hatten die vordersten Plätze und wir mussten immer geschlossen als Letzte den Theatersaal betreten. Dann kam von einem Offizier das Kommando: „Achtung, es kommen die Helden von Stalingrad“. Als wir hereinkamen mussten alle aufstehen. Da hätte ich mir am liebsten ein Loch im Fussboden gewünscht, wo ich hätte verschwinden können. Die Zeit meiner Genesung war gekommen, die 6 Monate waren um und ich konnte wieder nach Wien fahren.

Jenes Wien, welches ich verlassen habe, war nicht mehr das, was ich wieder gefunden habe. Ruinen wo man hinsah. Sehr getroffen hat mich der Anblick des zerstörten Stephansdomes und die ausgebrannte Oper. Ein Werk der amerikanischen Bombenflieger. Dabei haben diese Herren im Cockpit bessere Zielgeräte gehabt als jede andere Nation. Ich hätte bald „diese assholes“ gesagt.

Unsere Wohnung im 9. Wiener Gemeindebezir bekam in der Ecke des Wohnzimmers einen Volltreffer einer russischen Artilleriegranate, die die Eckmauer weggerissen hat. Dabei wurde auch ein in der Ecke stehender Glaskasten mit wertvollem Biedermeierporzelan getroffen. Der Glaskasten war bei der Weltausstellung 1873 in der historischen Rotunde ausgestellt. Alle Fenster der Wohnung waren geborsten und da es kein Glas gab, wurden die Fenster mit Ölpapier verklebt. Die nächste Ware waren Särge. Die Leichen, die man aus den Trümmern der Bombenruinen geborgen hatte, wurden in Decken gehüllt und im nächsten Park beerdigt.

Inzwischen wurde es Oktober 1943 und ich bin zu einem Italienischen Lazarettzug überstellt worden. Keiner, auch der Chef des Lazarettzuges, ein Stabsarzt, hatte keine Ahnung wo der Zug zu finden wäre. Auch die Kommandostelle in Berlin wusste nur, dass der Zug unter der Nummer 816 geführt wird, aber noch nicht einsatzbereit war. Man sagte nur, dass der Zug in einem der vielen Münchener Frachtenbahnhöfe stehe, wusste aber nicht wo. Also mussten wir alle nach München fahren und bei der Leitstelle fragen wo unser gesuchter Zug steht. Es hiess mit einem Lastwagen nach München -Trudering zu fahren wo ein Lazarettzug Nr. 819 steht, der uns zu unserem Zug 816 bringen soll. Alles war aus Angst vor Spionen streng geheim. Wir haben dann, wieder streng geheim, erfahren, dass wir mit unserem, den wir noch garnicht hattten, nach „Sette bagni“, auf deutsch „Sieben Bäder“, ein Ort bei Rom fahren sollten. Ich habe diesen Ort auf meinen Karten niemals gefunden. Vielleicht war dieser Ortsname garnicht existent, nur um Geheimagenten irre zu führen. In der Nähe von Rom haben wir unseren Treno Ospedale 816 auf einem Abstellgeleise gefunden, der aber absolut nicht einsatzfähig gewesen ist. Also musste der Zug in eine Reichsausbesserungswerkstätte (RAW) bei München gebracht werden. Auf der Fahrt von Rom nach München wurde mir ein neuer Offizier, ein Oberzahlmeister namens Dr. Palicek vorgestellt. Meinem Alten (ich meine natürlich meinen Chefarzt) blieb der Mund offen stehen,als er hörte, dass Dr. Palicek im Gymnasium mein Lateinprofessor gewesen ist.

Jetzt kamen unsere 10 vierachsigen Wagen (vormals 1. Luxusklasse) in die Obhut der Eisenbahn-Ingenieure, da nicht nur Inneneinrichtun umgebaut werden muss, sondern auch die Fahrgestelle, Kupplungen, Bremsen und Puffer auszutauschen sind. Da in Italien nur elektrisch beheizte Züge im Verkehr sind, müssen bei uns zusätzlich Dampfheizungen eingebaut werden, da es in Deutschland damals fast keine elektrifizierten Strecken gab. Ein Heizkesselwagen und geschultes Personal musste angefordert werden. Ein Wagen wurde als Küchen- und Speisewagen eingerichtet. Zusammen waren wir mit 2 Ärzten und einem Offizier 28 Mann. Die Mannschaftsabteile waren umgebaut für je zwei Mann, Offiziere für je einem Mann.

Da die Instandsetzung des Zuges mehr als 3 Wochen dauern sollte, war unsere Arbeit nicht genau zeitmässig so begrenzt. Ich hatte mir täglich so viel Zeit verschafft, um mir alles Historische genau ansehen zu können. Theater- und Museumsbesuche waren in meinem Zeltplan genau includiert. Als Hobbybiologe war für mich ein Hauptanziehungs-punkt der berühmte Tierpark von Hellabrunn an der Isar, der von den amerikanischen Bomben arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich erlebte hier viel, was ich bis heute nicht vergessen konnte. Die Tierpfleger kannten mich schon, da ich mit den kleinen und grossen Affen, die durch die bombenzerstörten Gehege frei herum liefen, Freundschaft geschlossen hatte. Und eines muss ich noch erwähnen. Nicht jeder der dies liestlwird es verstehen können - ich spreche mit den Tieren. Manche werden vielleicht denken oder sagen: „Der hat ja nicht alle Tassen im Schrank“, was nichts anderes bedeutet, als dass ich im Kopf nicht ganz richtig bin. Ich hatte kein Futter für diese Tiere. aber sie sind zu mir gekommen, setzten sich zu mir, oder setzten sich auf mich und hörten mir zu. Sie begannen mich zu graulen und durchsuchten meine Haare nach Läusen, die ich nicht hatte. Wenn ich zu sprechen aufhörte, hörten sie auf mich zu kraulen und schauten mich nur enttäuscht an. Wenn ich weiter erzählte, waren sie zufrieden und krabelten dann weiter auf mir herum. Was sie aber von mir verstanden haben war meine Zuneigung.

Da war auch noch ein kleiner, erst wenige Wochen alter Elefant, der mit seiner Mutter im Park von Hellabrunn aus Gründen der Bewegungstherapie,ausserhalb seines Geheges von seinem Tierpfleger herum gefür urde. Da erzählte mir der Tiepfleger, dass der kleine Ele-fant der erste in einem Zoo zur Welt gekommene Afrikaner ist. Die Zucht von indischen Elefanten hingegen sei für Zoologische Gärten weiter kein Problem. Der kleine Afrikaner hiess „Adi“. Ich streichelte Adi, habe mit ihm auch gesprochen und er beschnupperte mich mit seinem kleinen Rüssel ganz genau. So sind wir bekannt geworden. Ich dachte zuerst man hat ihm diesen Namen zu Ehren von Adolf Hitler gegeben. Nach Jahrzehnten kam ich nach Salzburg und besuchte das naurwissenschaftliche Museum „Haus der Natur“. Da sah ich in einem Schauraum hinter Glas einen kleinen afrikanischen Elefant, schön präpariert stehen. Davor stand eine Tafel: „Das ist Adji, der erste im Zoo von Hellabrunn in München geborene afrikanische Elefant, genannt nach dem ersten Menschen Adam, der im Jahr 1943 bei einem amerikanischen Bombenangriff ums Leben gekommen ist“. Das war drei Wochen nach dem ich mit Adi gesprochen und gespielt hatte. Tief in meinem Herz getroffen, habe ich das Museum verlassen, denn erst nach 13 Jahren habe ich gewusst, dass mein kleiner Freund tot war.

Mein italienischer Lazarettzug 816 war nach dem Besuch in Hellabrunn wieder einsatz-bereit. Ich war inzwischen Dolmetsch und Kurier auf der Strecke Rom - Berlin, Rom - Warschau und Rom - München. Wenn ich nicht als Kurier eingesetzt war. dann musste ich mit Verwundeten nach Deutschland fahren. Es war eine schlimme und traurige Arbeit. Die Soldaten starben in unseren Armen

Trotz allem habe ich viel von Italien gesehen und kennen gelernt. So sehr ich mich im Gymnasium über Latein als tote Sprache, in meinem jugendlichen Unverstand geärgert habe, war ich dann froh mit Latein eine wichtige Grundlage für andere Sprachen gefun-den zu haben.

Am Dienstag, den 30. 11. 43 war unser Zug 816 startklar und einsatzbereit. Alles wurde hergerichtet, Verpflegung gefasst und die Sanitätsbetten überzogen. Der Zug jetzt in München -Freimann sollte erst über Landshut - Regensburg - Pilsen - Kladno - Prag nach Warschau fahren. Da ich noch Zeit hatte fuhr ich nach München in die Stadt, rief zu Hause an und besuchte das Deutsche Museum auf der Isarinsel. Am 1. Dezember 43 war ich von 22 Uhr 45 bis 0 Uhr 35 in Prag. Von der Goldenen Stadt habe ich nur den Bahnhof gesehen, aber ich konnte sagen: „Ich war in der Goldenen Stadt!“ Weiter ging es über Glatz. Neisse, Radom, Kolomnice nach Warschau. Mit dem Oberzahlmeister Dr. Palicek fuhr ich mit einem LKW durch Warschau um neue Verpflegung. Da sah ich wenigstens die Stadt.

Inzwischen wurden Verwundete verladen. Es war der 4. Dezember 1943. Von Warschau ging es weiter über Dresden, Chemnitz, Hof, Regensburg, Landshut nach München. Am Weg wurden Verwundete in verschiedenen Lazaretten abgegeben. Am 8. 12. 43 musste ich als Kurier über Nürnberg und Halle an der Saale nach Berlin-Anhalterbahnhof. Mit dem Bus ging es dann zum „Grossen Stern“, einem der Wahrzeichen Berlins mit der Siegessäule, zu meinem Kommandostab „Unter den Linden“. Zurück ging es dann mit der U-Bahn zum Anhalterbahnhof. Berlin war durch die Bombenangriffe grauenhaft zerstört. Um 20 Uhr 30 fuhr ich mit einem D-Zug: in einem versperrten Kurierabteil über Nürnberg und Augsburg nach München, wo ich am 9. 12. 43 um 9 Uhr 30 vormittags ankam. Unser Lazarettzug 816 hatte auf mich gewartet. Dann ging es gleich nach Ingolstadt.

Nachdem ich von meiner Kurierfahrt übermüdet angekommen bin, hat mich der Alte auf Wache geschickt. Er betrachtete, dass so eine Kurierfahrt für mich ein Vergnügen sein müsste. Wie herrlich muss es für mich sein, in einem Abteil 1. Klasse mit Kuriergepäck in der Ablage und einer Handfessel links, an der eine 50 cm lange Stahlkette befestigt war, an der wiederum die ca 5kg schwere Kurieraktentasche, natürlich fest versperrt, die ich auf Schritt und Tritt mittragen musste. Wenn ich mein Abteil verlassen wollte, musste mich derSchaffner herauslassen, das Abteil wieder absperren und auf meine Rückkehr warten. Auf meinem Gang zum und vom WC war ich unbeaufsichtigt und nur an meine Kuriertasche gefesselt. Das war eine grobe Nachlässigkeit des Preußischen Geheim-dienstes. Alle meine Sachen, die ich aus Berlin heranschleppte, wurden mir in Rem abge-nommen. Wie ich erfahren habe, ist ein Grossteil der Schriftstücke auch für andere Kommandos bestimmt gewesen. Inzwischen wurde der Zug mit Verwundeten von der Schlacht in Monte Cassino beladen. Auf der Rückfahrt am 20. 12. 43 gab es in Belluno Fliegeralarm. Der Zug wurde in 2 Teile geteilt und von E-Bergloks über das Gebirge nach Pieve di Cadore gezogen. Zuerst wurden die Verwundeten ins Lazarett gebracht und die inzwischen Verstorbenen am Friedhof in die Leichenhalle gebracht. Danach wurde sofort die Rückfahrt angetreten. Diese ging über Castelfranco und Ferrara nach Castel Maggiore, wo wir über Weihnachten blieben. Am 23. 12. 43 musste ich mit dem Spiess nach Bologna fahren. Um 14 Uhr 40 waren wir wieder bei unserem Zug zurück.

24. 12. 43, Heiliger Abend. Am frühen Morgen kam der Chef zufir und hat mich scheissfreundlich in der Umgebung zu den Bauern zu gehen um Gänse zum Festessen zu besorgen. Ich sagte zu ihm: „Herr Stabsarzt, da bin ich sehr skeptisch. Was würde ihre Gattin sagen,wenn Sie ihr am Heiligen Abend mit dieser Idee kommen. Es ist bessertwir beide denken darüber weiter nicht nach. Das soll Qber nicht heissen, dass ich ihnen zuliebe diesen Versuch nicht unternehmen werde“. Er sagte zu mir „Bübchen“ nur sie mit ihrem Wiener Schmäh schaffen es und wenn die Bauern ihre eigene Sprache hören, dann werden sie gleich weich. Ich sagte ihm, dass ich mir den Kaiser Karl,unseren Wagen-meister mitnehme, denn der kann mich zurück tragen, wenn ich wo hinausfliege. „Bübchen“, sagte der Alte immer dann, wenn er von mir etwas wollte, oder wenn er abends angesoffen zurückgekommen ist.

So bin ich mit Kaiser Karl, meinem trinkfesten Eisenbahner aus Gmünd an der tschechischen Grenze, losgezogen um unser Glück zu versuchen. Den ersten Bauern habe ich gleich mit: „Buon giorno caro amico mio“ begrüsst. „Come sta? Siamo Austriaci di Vienna. Il nostro Treno Ospedale Italiano e nella stazione. Restiamo una settimana…“. Also hat der Bauer gleich gewusst woher wir sind und dass wir mit unserem Lazarettzug eine Woche hier bleiben werden.

Inzwischen war die ganze Familie um uns versammelt und sie haben uns nicht wegge-lassen, bevor wir nicht mit ihnen gegessen haben.

Bei gutem Essen und herrlichem Wein haben sie uns von ihren Sorgen erzählt. Da haben wir erfahren, dass unter dem gesamten Federvieh eine grande epidemia ausgebrochen ist, der im ganzen Ort die Hühner. Gänse und Enten zum Opfer gefallen sind. Von den Gänsen, die wir kaufen wollten habe ich dann nichts mehr gesagt. Sie gaben uns dann noch eine Flasche Wein mit. Wir verabschiedeten uns mit „mille grazie arrivederci“. So ging es uns überall. Wein wurde uns überall aufgewartet, aber mit Gänsen war nichts zu machen. Wir gingen einige Kilometer weiter nach Castelfranco. Dort haben wir endlich einen Bauerngefunden, der uns 2 Gänse verkauft hat. Ich bedankte mich sehr höflich und zahlte dem Bauern den doppelten Preis. Beim Abschied sagte er nur: „molto generoso signori e arrivederci“. Ich sagte nur : „Buon natale per la tut ta famiglia!“ und gingen den langen Weg zu unserem Treno Ospedale. Dort meldete ich mich mit unserem Wagen-meister beim Alten zurück. Dieser war froh, wenigstens 2 Gänse zu haben, als nur 2 Heimkehrer mit einem Rausch ohne Gänse. Ich habe dann noch 2 Stunden geschlafen bevor um 19 Uhr für uns das Weihnachtsfest begann. Das Essen war gut, aber von unseren Gänsen habe ich nichts angerührt. Jeder von uns bekam 100 Zigaretten, eine Flasche Wein, eine Flasche Schnaps und Bäckereien. Die Feier hat bis 2 Uhr Früh gedauert.

Ich habe gehört, dass unser Zug noch 2 Tage in Castel Maggiore stehen soll, habe ich beschlossen noch, nach Bologna zu fahren, um einige Schallplatten von Verdi Opern zu kaufen. Im Schallplattengeschäft war nur ein einziger junger Mann mit dem ich über Verdi ins Gespräch gekommen bin. Er war ungefähr so alt wie ich und fragte mich natürlich woher ich komme. Er meinte, ich müsste schon längere Zeit bevor ich zum Militär gekommen bin in Italien gelebt haben. oder ich hätte eine italienische Universität besucht. Zuerst glaubte er mir nicht. Dann erzählte ich ihm, dass ich vorher schon bei einem ehemals österreichischen Regiment, den Deutschmeistern Nr. 4 gedient habe. welches nach der deutschen Besetzugg Österreichs die Nr. 134 bekommen hat und in Stalingrad eingesetzt war. Was mich gewundert hat war. dass ihm sein Vater schon als Bub vom wienerRegiment der „Hoch- und Deutschmeister“ erzählt hat. Ich riskierte zu sagen, dass ich vom Krieg total angefressen bin und nichts mehr davon wissen wollte. Er erzählte mir, dass er und seine Freunde alle Kommunisten seien. In diesem Moment klopfte es an der Tür. Was ich aber nicht gewusst habe, hängte er bei Beginn unseres Gespräches eine Tafel „Chiuso“ in die Tür und sperrte zu. Als er die Tür aufsperrte kam ein netter junger Mann herein, der mir vorgestellt wurde. Die Tür wurde wieder verschlossen und die Tafel „chiuso“ (geschlossen) aufgehängt. Es war sein Freund, der ihn besuchte. Er erzählte ihm. dass ich auf einem italienischen Lazarettzug Kurier bin, der bald in die Reparatur kommen muss.

Beide haben versucht mich zu überreden bei ihnen im Untergund zu bleiben, da die Amerikaner schon im Süden Italiens gelandet sind. Der Krieg wird bald zu Ende sein, denn Hitler wird den Krieg nie gewinnen. Diese Zeit werden sie mich verstecken. Nach langen Gesprächen konnte ich die beiden von meiner Situation überzeugen. Sie hätten keine Ahnung was in meinem Fall gewesen wäre. Mein Chef vom Lazarettzug hätte sofort dem Reichssanitätskommando in Wien melden müssen, dass ich desertiert bin. Meine Eltern wären sofort verhaftet worden und vor ein Kriegsgericht wegen „Sippenhaftung“ gekommen. Die Vollstreckung des Todes durch das Fallbeil wäre nach dem Gesetz innerhalb von 24 Stunden durchzuführen gewesen. Ich hätte gelebt. aber meine Eltern hätte ich auf dem Gewissen gehabt. Meine beiden Italiener, die es mit mir gut gemeint hatten waren betroffen. Zum Abschied haben sie alle Opernplatten,die ich kaufen wollte. mir geschenkt.

Falls ich nach dem Krieg noch leben sollte, ersuchten sie mich, dass ich mich unbedingt bei ihnen melden muss. Doch leiderkonnte nichts daraus werden, da ich wedverNamen noch Adresse von ihnen gewusst habe. Für mich waren beide amici verace.

Nachher musste ich wieder einige Male ins Kampfgebiet um neue Verwundete zu holen. Meine Kurierfahrten nach Berlin habe ich dann nicht mehr gezählt. Wir wurden von amerikanischen Bomben bis zur Vernichtung eingedeckt, aber zum Glück landete kein Volltreffer auf unseren Zug. Jeder Waggon hatte über die ganze Breides Daches das Rote Kreuz gemalt, aber das störte die Amerikaner nicht. Es waren ja nur Deutsche. Für mich war dieser Krieg noch lange nicht zu Ende. In der Zeit, die ja sehr schnell vergangen ist, haben wir unzählige Einsätze gehabt. Auf jeden Einsatzbefehl aus Rom oder Berlin mussten wir warten, was bis zu 10 Stunden dauern konnte. In dieser Zeit musste der Zug gereinigt und für den nächsten Einsatz fertig gemacht werden. Manchmal kam aber der Befehl zur Abfahrt unerwartet schnell. Die Leitstellen kümmerten sich aber wenig, ob wir genug Lebensmittel und Trinkwasser fassen konnten. Inzwischen kam der 31. Dezember 1943. Wir lagen in Castellucchio und wurden für die Kampftruppen mit Kartons voll Konfekt beladen. Es müssen einige Tonnen gewesen sein. Sogar unsere Mannschafts-wagen wurden angefüllt. Wir fuhren bis Firenze. Dort wurde unser Zug ausserhalb des Bahnhofes auf ein Abstellgleis gestellt. Warum wusste auch der Chef nicht. Befehl kam von oben. Herr Stabsarzt sagte ich, oben ist nur der Liebe Gott, die Arschlöcher sind herunten. Er hat mir nicht widersprochen, sodass ich annahm, dass er meiner Meinung ist. Wir hatten keine Lust das zu Ende gehende Jahr 1943 zwischen Kartons zu feiern und gingen schlafen. Am 1. Jänner 44 wurden die Konfektkartons in einen anderen Zug verladen. Da so ein Umladen Stunden dauert, bin ich in die Stadt gegangen und habe den Dom mit der Kuppel von Brunelleschi mir angesehen. Unser Zug fuhr dann nach Mantua und Modena. Am 4. 1. 44 sind wir in Rom angekommen. Dieser Tag war auch mein erster Jahrestag meines Fluges aus Stalingrad.

Rom war offene Stadt und durfte ohne Passierschein vom Militär nicht betreter, werden. Also stellte ich mir einen Passierschein für dringende militärische Erledigungen aus, da unser Spiess in Breslau auf Urlaub war. Wer heute im Atlas Breslau sucht, wird Wroclaw finden. Also wohin in Rom? Für mich war der Besuch des Vatikans ein lange gehegter Wunsch. Doch wie hineinkommen? Der Weg in den Vatikan wurde von deutschen Fallschirmjägern abgesperrt. Auch diese durften vatikanischen Boden nicht betreten. Als die Bewachungstruppe vorbei war, habe ich meine Schirmkappe abgenommen und bin mit offenem Mantel, was kein Soldat getan hätte, mit einer Gruppe von Klosterschwestern, im Schutz der Kolonaden, ohne aufgefallen zu sein, zu einem der Hauptportale des Petersdomes gekommen. D. och da versperrte mir ein Hauptmann der Schweizer Garde den Weg und sagte so mir im besten Schwizer Dütsch: „Leidr kann ich sie als dütschen Soldaten nit nei lasse“. Darauf meinte ich in seiner Sprache: „Herr Haupmää, s’isch’n Irrtum, i bin nie ei Dütscher gsin. I bin ei Öscherreicher aus Wien“. Erst war er stumm, dann sagte er, wir warten nur bis die meischten Lüt weg sin. Der Bann war gebrochen. Er führte mich durch den Dom und erzählte mir, dass er aus dem Kanton St. Gallen kommt. Ich erzählte ihm,dass unser Staphansdom neben dem Petersdom, wie eine Kapelle wirkt, aber dass wegen seiner Gotik viele Besucher kommen. Er meinte, ja dann sind wir gar nicht so weit entfernt. Er führte mich dann noch um den Hochaltar. Beim Abschied meinte er ich soll mich ja nicht erwischen lassen , denn das würde für ihn sehr unangenehm werden. Ich hatte grosse Bedenken ihm ein Geld zu geben ohne ihn zu beleidigen. Ich gab ihm eine zusammengefaltete 100 Lire Note, die für mich und ihm damals viel Geld bedeutete. Er war sehr erfreut und sein Dank kam von Herzen.

Inzwischen hatten wir den 16. Jänner 1944. Über Pistoia sind wir nach Lucca gefahren. Fallschirmjägeralarm am Weg. Um 4 Uhr Früh sind wir in Lucca angekommen. Die Strecke war nur ca. 40 km lang, aber bei Alarm durfte nicht gefahren werden. Auf direktem Weg nach Firenze zu kommen war einfach nicht möglich. Keiner hat gewusst, welche Strecke befahrbar war. Um 10 Uhr gab es wieder Fliegeralarm, diesmal in Pontedera. Dort mussten wir durchfahren. Wir standen auf der Strecke, durften nicht weiterfahren und den Angriff erst abwarten. Die Italiener flüchteten aus der Stadt, zu Fuss, mit Fahrrädern, Pferdewagen, Lastwagen und sogar Leichenwagen waren überfüllt. Um 11 Uhr 15 gab es Entwarnung. Unser Zug fuhr auf Nebengeleisen durch die Stadt. Der Bahnhof war total zerstört. Lokomotiven sind auf Waggondächern gelegen und andere lagen quer über den Schienen. Um 12 Uhr 10 gab es den 4. Alarm. Wir standen schon ausserhalb der Stadt auf freiem Feld, als uns 90 Bomber überflogen. Wir flüchteten auf die Felder und suchten in Wassergräben liegend Deckung. Erst um 15 Uhr gab es Entwarnung. Im Zug bekam dann jeder von uns eine Dose mit 1 kg Marmelade. Warum hat keiner gewusst, vielleicht war es eine „Tapferkeitsauszeichnung“ oder eine Geste um wieder Freud am Krieg zu bekommen? Um 17 Uhr waren wir endlich in Firenze. Mit Kaiser Karl habe ich gleich einen Luftschutzkeller gesucht, was auch notwendig war, denn der 5. Fliegeralarm war da. Während dessen kam von irgendwo erdaher gelaufen. Alle. mussten zum Zug zurück kommen und keiner durfte den Zug verlassen. Das war wieder so ein geistreicher Befehlvom Alten! Ich blieb mit Kaiser Karl vor dem Zug stehen, um gleich in Deckung gehen zu können. Der Chef wollte immer als Vorbild der Tapferkeit bei uns gelten. Das konnte er bald beweisen. Als die ersten Leuchtbomben an den Fallschirmen langsam zur Erde schwebten, lief er wie verrückt im Zick-Zack erst davon, dann wieder zurück. Ich dachte mir, das kann nur Tapferkeit sein, um die Leuchtbomben irre zu führen. Den wahren Grund hatte ich bald herausgefunden. Er lief zum Heizwagen,schickte die Heizer weg und nahm ein Bad. Aus Tapferkeit hat er sich angeschissen und musste sich seine Tapferkeit erst aus der Unterwäsche herauswaschen. Und die Moral von der Geschicht ? Stuhl verlieren soll man nicht! Bis 22 Uhr kreisten die Bomberstaffeln über der Stadt, ohne auf eine Luftabwehr zu stossen.

Da der Zug nicht mehr voll einsatzfähig war, hätte er nach München gebracht werden müssen. Der Alte wollte aber unbedingt den Zug in Italien wieder einsatzfähig machen lassen, da er dann 6 Monate voll im Einsatz gewesen wäre, um Oberstabsarzt zu werden.

Nach Rom konnte vorläufig nicht gefahren werden, da die Strecke unterbrochen war. Vier Lazarettzüge standen unten und konnten nicht herauf. Auch Gefreiter Hala aus Linz, der unsere Post abgeholt hat, konnte nicht herauf. Mir kam das Ganze wie die Vorbereitung zu einer Invasion vor. Der Stabsarzt wollte unbedingt, dass ich ihm die Sehenswürdigkeiten von Florenz zeige. Meinen Vorschlag, statt mich unseren Schneider oder Schuster mitzunehmen, hat er als schlechten Scherz abgetan.

Privat war er ein anderer Mensch. Da ich gut aufgelegt war, fragte ich ihn, warum die Soldaten und jungen Offiziere alle mich grüssen. Er lachte nur und meinte: Das war wieder typisch „Bübchen“ ! Der Dom ist ein im gotisch-romanischem und toskanischem Renaissancestil geschaffenes Bauwerk. Der Dom trägt die grösste Steinkuppel der Welt. Die freizügigen Fresken sind von Michelangelo. Die grosse Uhr hat Galileo Galilei geschaffen. Der Dom hat den Namen Santa Maria del fiore. Wir besuchten auch die Kirche „Santa Cruce“, wo die Leichen von Michelangelo, Galilei und Dante Aleghieri ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

An jenem Abend, als ich von unserem Stadtrundgang mit dem Stabsarzt zurückgekommen bin, wurde ein Gefreiter namens Hänel, also ein Kollege von uns,zum Unteroffizier befördert.

Am nächsten Tag hatte ich UvD (Unteroffizier vom Dienst). Ich musste den ganzen Tag in einem neuen Gepäckswagen, den wir erst bekommen haben, arbeiten. Wie ich erst später erfahren habe, war dies eine Strafe für mich, da sich der erst wenige Stunden alte Unteroffizier beim Herrn Stabsarzt beschwert hatte, dass ich nicht zu ihm „Guten Morgen“ gesagt hätte. Weiters sagte er zum Chef, dass keiner seiner Kameraden mehr „Du“ sagen dürfe, sondern nur „Sie“. Da dieser senile Idiot von einem Chef nicht gleich gefragt hat, was er sich denn eigentlich einbildet, sich wie ein Reichsmarschall zu gebärden, hat er ihm gleich gesagt, diese „Unhöflichkeiten“ abzustellen. Jetzt habe ich nur auf den Augenblick gewartet,Hänel ohne Zeugen, meine Meinung zu sagen. Als die Gelegenheit kam, habe ich ihn gleich angebrüllt: „Nehmen sie Haltung an, wenn ich mit ihnen spreche und halten sie ihr stinkendes, ungewaschenes Maul.“ Er hat nur nach Luft geschnappt und wollte was sagen. Ich sagte nur : „Schnauze! Sie haben sich selbst zur lächerlichen Schiessbudenfigur degradiert. Weil sie auch im privaten Leben versagt haben und wahrscheinlich nicht einmal eine Hilfsschule beenden konnten. Aber jetzt sind sie der Meinung beim Militär es zu etwas gebracht zu haben. Sie haben es zu etwas gebracht, zu einem lächerlichen Volltrottel, den ich nur verachten kann. Melden sie das alles dem Chef und die Zeugen, die das bestätigen können. Mit mir können sie nicht rechnen, denn ich war ja nicht anwesend, noch in der Nähe. Und jetzt treten sie ab. Marsch!“ Er blieb wie angewurzelt stehen, brachte kein Wort heraus, und schnappte nur nach Luft. Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Am selben Tag sagte noch der Alte zum mir, dass alles erledigt ist. Was die Ursache zu diesem Entschluss gewesen war, weiss ich nicht.

Während eines Fliegeralarms mussten wir alle im Zug bleiben, damit wir bei einem Volltreffer wenigstens alle gleichzeitig tot sind Das war ein Befehl vom Alten. Gleichzeitig schickte er in stock finsterer Nacht zwei Mann einen Luftschutzkeller zu suchen. Wie sollten diese beiden Männer ohne Nachtsichtgeräte so etwas finden. Da hätten sie entweder Fledermäuse oder nachtaktive Schlangen sein müssen. Typisch . für den Herrn Chef. Da dichter Nebel herrschte, konnten weder Bomben noch Leuchtfall schirme abgeworfen werden. Ich habe mich zur Ruhe begeben und bis zum Morgen durchgeschlafen. Entwarnung soll um 23 Uhr gewesen sein. Heute Nacht haben wir Firenze Richtung Arezzo verlassen. In Arezzo waren furchtbare Zerstörungen zu sehen und in der ganzen Gegend sollen noch hunderte Bomben mit Zeitzündern liegen, wo keiner weiss wann die explodieren. In Todi mussten wir die ersten vier Lazarett wagen mit tausenden Schuhen beladen, was nach lnternationalem Gesetzen verboten gewesen wäre. In San Gemini,was nur 35 km entfernt war, mussten wieder die tausenden Paar Schuhe ausgeladen werden. Da die Bahnstrecke von Rom wieder befahrbar war, wurden der Spiess und Hala wieder zu uns nach San Gemini beordert. Endlich habe ich wieder Post aus Wien bekommen.

23. 1. 44 . San Gemini. Da der Zug mit den Schuhen entladen war, wurde er während der Nacht für den nächsten Einsatz wieder in Ordnung gebracht. Um 7 Uhr Früh wurde mit dem Einladen der gehfähigen Verwundeten begonnen. Dann begann die Verladung der Schwerverwundeten.

Bis 24 Uhr dauerte die Verladung. Der Zug mit den Verwundeten musste in 3 Teilen nach Todi gebracht werden, da im Verladungsort dieser Kleinstadt im Gebirge der Bahnhof für unseren Zug viel zu kurz war. Erst in Todi konnte der Zug wieder zusammen gesetzt werden. Lange nach Mitternacht haben wir unser erstes Essen bekommen. Um 1/22 Uhr Früh haben wir uns erst totmüde hinlegen können.

Es war schon der 24. 1. 44. Weiter ging es über Arezzo, Firenze, Prato, Bologna, Ferrara, Padova bis Belluno.

25. 1. 44. In Belluno bis 11 Uhr gestanden. Dann bis Pieve di Cadore gefahren und die Verwundeten und inzwischen Verstorbene ausgeladen.

27. 1. 44. Bis 22 Uhr UvD gehabt. Während die anderen dienstfrei hatten

und nach Cortina d‘Ampezzo gefahren sind, hatte ich Dienst. Um 9 Uhr von Pieve di Cadore über Belluno, Castelfranco, Vicenza nach Verona abgefahren. Hier wurden die geschlechtskranken Offiziere ausgeladen. Der Alte war wütend, bezeichnete sie nur als ehrlose Schweine, die man erschiessen sollte, während tapfere Soldaten im Kampf verbluten, huren diese versoffenen Schweine im Hinterland herum. Ich sagte vor diesen Offizieren zum Alten: Herr Stabsarzt warum erschiessen? Einfach die Eier abschneiden und ab ins Gefängnis. Der Alte meinte, da haben sie recht, aber ohne Narkose, und dann sollen sie sehen was sie bei den Huren noch ausrichten können. Nur den Pimmel abschneiden wäre für diese Schweine zu human, denn da verbluten sie innerhalb weniger Minuten und da würden sie sich auch die Blamage bei den Huren dann später erparen. Das alles mussten sich die Herren Offiziere anhören. Zum Abschluss brüllte sie der Alte noch an: Und jetzt verschwindet ihr ehrlosen Schweine, im Lazarett habe ich Euch schon telefonisch beim Chefarzt angemeldet. Die schlechtesten Kammern sollen für Euch noch zu gut sein. Verschwindet vor meinen Augen. Euch will ich nie wieder sehen. Da ich die Kämpfe in Stalingrad selbst erlebt habe, konnte ich dem Alten in diesem Fall nur recht geben.

Am 28. 1. 44 sind wir nach Mailand gekommen. Es war 3 Uhr 40 früh. Für mich gab es nur eines, den Dom zu besichtigen. Er ist der schönste gotische Dom Italiens. Bis Mittag war ich von der Besichtigung schon sehr müde. Ich kehrte dann in der Wehrmachtsgaststätte ein, hatte ausgezeichnet gegessen und war froh zu unserem Zug zu kommen der am Hauptbahnhof stand.

Am 30. 1. 44 wurde der Zug nach Voghera in das Ausbesserungswerk gebracht und in eine grosse Halle gezogen.

2. 2. 44 Voghera. Alle Wagen mussten ausgeräumt und desinfiziert werden. Einige von uns wurden zu Gefreiten befördert, was natürlich auch gefeiert wurde. Mit Hala aus Linz war ich bis 23 Uhr beisammen. Von da an hatte ich bis 3 Uhr früh Wache. Am 8. 2. 44 hatte ich wieder Wache gehabt. Der Kontrollweg war einige Kilometer lang, da jeder Wagen in einer anderen Halle stand. Ich war ja nicht wahnsinnig diesen Weg zu Fuss zu gehen. Ich nahm mir einen der dort stehenden Elektrokarren und fuhr mit einem Handscheinwerfer die von mir zu kontrollierende Strecke ab. Um 16 Uhr hatte ich in meinem Wagen die Batterie gewechselt und eine Batterie hat ein Gewicht von zirka 40 kg und so eine ist mir auf den Mittelfinger der linken Hand gefallen. Es war zum Glück kein Knochenbruch, sondern eine arge Quetschung mit Bluterguss, die sehr schmerzhaft ist. Trotzdem bin ich zum Friseur gegangen, allerdings mit Verband.

Am 10. 2. 44 wurden einige Waggons von unserem Zu von Gleis 12 auf das Gleis 22 geschoben. Es war gut für mich das gesehen zu haben, denn sonst wäre ich beim nächsten Wachdienst mit dem Elektrokarren das ganze Werksgelände abgefahren um unsere Waggons zu finden. Das Gelände war ja riesig gross. Um 7 Uhr früh bin ich mit Kaiser Karl auf die Post gegangen um Briefe für uns aufzugeben. Am Weg haben wir für uns je 1 Liter Moscato gekauft, um für Mittag zum Essen auch einen guten Tropfen Wein zu haben. Im Werk haben wir dann unsere Heizer Hans Zloch und Hans Zodl getroffen. Die beiden erzählten uns, dass der Alte den Oberzahlmeister und Gerhard Woch nach Berlin geschickt hat. Alle 3 waren noch hier und ich wollte wissen, was hier gespielt wird. Ich bin gleich zum Offizierswagen gegangen und wollte beim Chef anklopfen. Ich hörter im richtigen Moment, wie der Chef zum Oberzahlmeister sagte: Eigentlich ist es garnicht notwendig bis Berlin zu fahren, denn ich habe hier einige Packete, die sie bei meiner Frau abgeben können. Jetzt habe ich gewusst wohin der Hase läuft. Er nannte seine Heimatadresse, die aber niemals auf der Strecke nach Berlin lag. Und wenn die Pakete meiner Frau übergeben wurden, dann sind sie beide selbstverständlich unsere Gäste und können sich bis zum nächsten Tag richtig ausruhen. Gästezimmer mit Bad haben wir ja und unser Mädchen wird sich um sie kümmern. Das Selbstwertgefühl unseres Chefs ist gestiegen; er wurde um 2 cm grösser. Offizier mit Untergebenem bringt Pakete der Gattin des Chefarztes.

12. 2. 44 Voghera. Nachmittag Post aus Wien bekommen. Nachldem ersten Fliegeralarm kam um 20 Uhr der zweite. In der Nachbarortschaft sind 2 Bomben nieder gegangen. Wir sind dann auf der strada nazionale in die andere Richtung gegangen und fanden eine Trattoria „Cavallo Bianco“. Ein Gasthaus „Zum weissen Rössl“. Bis 24 Uhr habe ich mich mit einer netten Italienerin, die ungefähr so alt war wie ich, unterhalten. Sie hat sich nur gewundert wieso ich mich mit ihr in ihrer Sprache unterhalten konnte. Die anwesenden Italiener dürften dann uns zu Ehren das Lied von der „Lili -Marlen“ angestimmt haben. „Tutte le sere sotto quel fanal con te Lili-Marlen“. Als ich auch noch den Text mitgesungen habe, ist mit ihnen ihr Temperament durchgegangen. Sie sagten ich wäre ein Compagnone, ein Italiano vero. Compagnone bedeutet sowohl, „ein lustiger Kerl“, als auch ein „Genosse“. Was sie damit gemeint haben weiss ich nicht,es war aber positiv gemeint. Dabei muss ich aber g'estehen, dass das Mädchen erst kurz vorher den italienischen Text in mein Kriegstagebuch geschrieben hat.

Mitternacht war schon vorbei als ich mit meinen Kameraden vom Cavallo Bianco zu unserem Schlafwagen gekommen bin.

14. 2. 44 Voghera. Zur Kurierfahrt nach Berlin habe ich alles vorbereitet ebenso Gerhard Woch, den ich wieder mitnehme. Um 13 Uhr gab es Grossalarm, da amerikanische Geschwader im Anflug waren. Nach 2 Stunden sind die Bomber wieder abgedreht. Um Punkt 21 Uhr bin ich mit Wach abgefahren. Es ging über Pavia nach Milano.

15. 2. 44. Der Militärexpress fuhr über Verona, Padua, Udine, Tarvis, Villach, Klagenfurt, Leoben nach Wien Süd, wo wir um 23 Uhr 15 angekommen sind. Vom Bahnhof habe ich sofort zu Hause angerufen. Inzwischen war schon der 16. 2. 44. Wien. Es war 0 Uhr 30, als wir in unsere Wohnung kamen. Die Freude meiner Eltern war grass uns zu sehen. Nach kurzem Gespräch fielen uns die Augen zu und es war Zeit schlafen zu gehen. Vielleicht glaubte der Alte, dass Kurierfahrten eine Erholung sind. Nach dem Frühstück ging ich mit Woch zum Postamt, um. unsere private, als auch die Dienstpost aufzugeben. Dann trennten wir uns.

Woch schaute sich Wien an und am Abend trafen wir uns wieder bei uns. Ich war mit Besuchen und Gegenbesuchen mit Freunden und Verwandten voll eingedeckt. Es war wieder Mitternacht bis wir ins Bett kamen. 17. 2. 44. Wien. Mittwoch um 7 Uhr 16 vom NW Bahnhof abgefahren. Wir fuhren über Znaim, Iglau, Kolin und Reichenberg nach Zittau in Sachsen, wo wir um 18 Uhr bei den Eltern von Woch angekommen sind. Ich legte mich um 21 Uhr nieder, denn die Familie möchte ja auch ungestört sein.

18. 2. 44 Zittau in Sachsen. Um 6 Uhr aufgestanden und um 7 Uhr 37 mit einem Eilzug nach Berlin gefahren, wo wir um 14 Uhr angekommen sind. Wenn man sich in Berlin gut auskennt, dann kann alles schnell erledigt werden. Wir hätten einen 20 kg schweren Rundfunkempfänger mitbringen sollen, der von einer Dienststelle abzuholen gewesen wäre. Wir gingen zu dieser Strasse der Dienststelle, die in einem Villenviertel gelegen ist. Die Villen waren alle von Bomben zerstört gewesen. Ich ging keinen Schritt weiter. Ich bin doch nicht verrückt mich für den Alten abzuschleppen. Ich sagte zu Woch : „Siehst du hier ein ganzes Haus stehen“? „Nein“ sagte er „aber bei dem zerbomten Haus wo wir hin sollen steht eine Tafel. Die werden vielleicht im Keller sein?“ Ich sagte zu Woch : „Wenn ich keine Tafel gesehen habe, dann hast du bestimmt auch keine gesehen! Und wenn hier eine Dienststelle wäre, wer würde für den Alten diese 20 kg schwere Radiokiste tragen ? Ich jedenfalls nicht! Darum frage ich dich nochmals: „Hast du eine Tafel gesehen?“ Er sagte ganz kleinlaut: „Nein, ich habe hier keine Tafel gesehen“. „Dann ist ja alles in Ordnung, denn ich habe auch keine gesehen“. Also dann schnell zum Zug nach München. Die Post die wir haben ist für uns schwer genug.

In München von einem Lazarett private Wäsche vom Alten geholt. Um 17 Uhr zum Zug gegangen und um 23 Uhr am Brenner Geld gewechselt.

20. 2. 44 Verona. Von 5 Uhr früh bis 11 Uhr auf Anschluss gewartet. In Milano um 16 Uhr angekommen und um 17 Uhr abgefahren. Ankunft in Voghera um 19 Uhr. Von 21 bis 24 Uhr waren wir im Cavallo Bianco. Es war ein netter Abend bei Musik und Tanz.

Am 21. 2. 44 in Voghera. Bis 10 Uhr geschlafen, dann dem Alten Bericht erstattet über Bombenangriffe in Berlin uno dass es nicht möglich war zur Dienststelle, wo wir den Rundfunkempfänger hätten holen sollen, durchzukommen. Der Alte hat sich geärgert, daß wir aus Berlin für ihn keinen mitgebracht haben. Er verlangte von mir ich soll zirka 2000 Liter Wasser besorgen und zum Zug bringen, ein Ansinnen was ihn für undurchführbar schien und ich niemals werde machen können. Ich dachte mir nur für alle Fälle ein berühmtes Zitat von Goethe! Wozu habe ich von meinen Eisenbahner Kameraden gelernt eine unter Dampf stehende Lokomotive auch in Bewegung zu setzen. Ich war zufällig vorher am Verschiebehahnhof vorbeigekommen und habe dort eine unter Dampf stehende Verschublok stehen gesehen. Sie war an keinen Waggon angekuppelt. Obwohl auf den Fahrstrecken alles elektrifiziert ist, waren beim Verschub nur kleine Dampfloks eingesetzt. Ich wa. r sehr froh, denn eine E-Lok hätte ich nicht bedienen können. Ich bin so schnell ich konnte zurück gelaufen und hinauf auf die Lok. Ich habe mir zuerst den Führerstand angesehen und dannden Dampfhebel langsam nach vorne geschoben. Die Lok setzte in Bewegung. Weit und breit war kein Eisenbahner zu sehen, der mir hätte helfen können. Die Weichen waren alle händisch zu bedienen. Zu meinem Glück. Beim ersten Wasserkran blieb ich stehen. Ich musste nur den Dampfhebel auf Ostellen und die Lok stand.

Am Bremsenrad musste ich nicht drehen, da das Werksgelände ganz flach war und kein Waggon und keine Lok sich selbständig machen konnte. Ich öffnete die Wasserklappen und schwenkte den Zulauf des Wasserkranes über den Tank. Jetzt musste ich das Wasserrad finden um die beiden Tanks voll zu bekommen. Das war einfach, denn wenn ein Tank voll war und das Wasser übergelaufen ist wurde der Arm des Wasserkranes auf die andere Seite geschwenkt und der andere Tank gefüllt. Das Füllen ist schneller gegangen, als ich gedacht habe. Das Wasser des Kranes wurde mit dem Wasserrad abgedreht und die Wasserklappen der Tanks zugeklappt. Das überflüssige Wasser schwabbt dann über. Die Lok wurde in Gang gesetzt. Jetzt hiess es die Lok neben den Zug zu bringen. Einige Weichen mussten gestellt werden. Das heisst stehen bleiben, herunter von der Lok,Weiche stellen, hinauf auf die Lok und weiter fahren. Neben unserem Heizwagen angekommen, stand schon Hans Zloch, der Heizer. neben der Lok. Er gratulierte mir zu meiner ersten Lokfahrt und war froh, dass alles geklappt hat. Er hatte Angst, dass ich bei einer falsch gestellten Weiche entgleisen könnte. Als der Alte erfuhr,dass ich das Wasser mit der Dampflok gebracht habe war er wütend. Was hat er sich denn vorgestellt. Wahrscheinlich wollte er mich nur ärgern, damit ich ihm sage: Bitte das kann ich nicht. Ich habe dem Chef angeboten ihn zu zeigen, mit einer Dampflok zu fahren. Mit einem roten Kopf hat er sich umgedreht und ist verschwunden. Er hat mich dann einige Tage nicht angeschaut.

22. 2. 44 Voghera. Nachmittags einkaufen gewesen. Dann mit Kaiser Karl im Cavallo Bianco. Erminia das Salz gegeben, welches ich ihr versprochen habe aus Berlin mitzubringen.

Um 17 Uhr wurden die Waggons aus der Officina zum Bahnhof gezogen. Um 1 Uhr nachts, am 22. 2. ist unser Zug von Voghera abgefahren.

23. 2. 44. Um 13 Uhr in Milano angekommen. Aus Wien sind 11 Mann zur Ablöse eingetroffen. Für die Weiterfahrt musste noch hier in Milano Verpflegung zum Bahnhof gebracht werden. Mit einem Elektrokarren habe ich dann die Wagen mit der Verpflegung über einen Frachtenaufzug zum Bahnsteig unseres Zuges gebracht. Der Alte fragte mich, ob ich mit so einem Elektrokarren umgehen könne. Ich sagte ihm er werae es sofort sehen, wenn die nächsten vollgeladenen Anhänger mit dem Ladegut auf den Schienen liegen und der Fahrbetrieb im Bahnhof eingestellt werden muss, dann kann ich keinen Elektrokarren bedienen. Wieder einmal hat der Alte mich mit einem hochroten Kopf verlassen.

24. 2. 44. Über Brescia und Verona abgefahren. Habe Wagen 3 bekommen.

25. 2. 44. Udine. Wagen 1 und 2 beladen. 26. 2. 44. In Pörtschach und Klagenfurt ausgeladen. Mit Hala, unserem Linzer, in die Stadt gegangen und auf der Post unsere privaten Pakete aufgegeben. Hala habe ich dann in der Stadt am Hauptplatz den Lindwurm, das Wahrzeichen von Klagenfurt gezeigt. Hier heisst er allerdings „Der Tatzlwurm“.

27. 2. 44. Von Klagenfurt abgefahren. In Velden wurde der Zug bei einer Notbremsung in drei Teile zerrissen. Abends wurde der Zug in Villach repariert. Dadurch konnten wir die Stadt besichtigen. Über Arnoldstein nach Tarvisio (das ehemals österreichische Tarvis) gefahren. Ab 24 Uhr Wache gehabt.

28. 2. 44. Über Udine, Treviso, Vicenza und Brescia nach Milano gefahren, wo wir um 20 Uhr 30 angekommen sind.

29. 2. 44. Milano. Mit dem Spiess, Pacher aus Breslau, in der Stadt Schallplatten gekauft, die wir erst später in einem italienischen Lazarettzug abspielen konnten, da wir in unserem Zug keinen Plattenspieler hatten.

Um 17 Uhr 30 in der Stazione Centrale Milano mit Erminia Salice zusammen getroffen. Es war das letzte Rendezvous mit Erminia. Um 20 Uhr grosses Eisenbahnunglück. Wir wurden mit einem Hilfszug zur Unfallstelle gebracht. Solche Anblicke muss man gewohnt sein um nicht die Nerven zu verlieren. Zloch hat mich begleitet. Ich war so sehr mit Blut verschmiert, dass ich mich im Heizwagen waschen musste. Viele werden diesen Unfall nicht überlebt haben. Um 22 Uhr 45 ist unser Zug nach Wien abgefahren. Mit den Nerven so ziemlich fertig, konnte ich keinen Schlaf finden. Die Blicke der Sterbenden werde ich nicht vergessen. Vor kurzer Zeit sassen sie nach schwerer Arbeit im Zug auf dem Weg zu ihren Lieben nach Hause. Jetzt hat sich für sie das Tor des Todes in ein besseres Jenseits geöffnet. Ich habe viel erleben müssen, aber zwischen Tod und Tod ist ein grosser Unterschied. Man muss alles erlebt haben um das begreifen zu können. Es war bereits nach Mitternacht, als der Zug am 2. 3. 44 am wiener Südbahnhof eingefahren ist.

3. 3. 44. Bei den Schwiegereltern von Oberzahlmeister Dr. Palicek ein Paket vom Alten abgeben, dann zu Hans Zloch seiner Tochter Rosa gef. und ein Paket von ihrem Vater gebracht.

4. 3. 44 um 9 Uhr 28 vom Ostbahnhof abgefahren. Prerau, Oderberg, Oppeln. In Breslau um 17 Uhr 17 angekommen. Zur Wohnung vom Spies Rio Pache gefahren und Sachen von ihm aus Italien hingebracht. Nachtmahl bei seinen Eltern gegessen und dort geschlafen.

5. 3. 44. Breslau. Abfahrt 4 Uhr früh. Sagan, Frankfurt/Oder. 9 Uhr in Berlin Friedrichstrasse beim Arbeitsstab. Im Kino „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann gesehen. Beim ZOO spazieren gegangen. In einem guten Restaurant gegesssen. Um 18 Uhr 20 mit SF Zug über Halle a. d. Saale Richtung München gefahren.

6. 3. 44. Weiterfahrt über Nürnberg und Augsburg nach München, wo ich um 7 Uhr angekommen bin. Sofort zu Oberregierungsrat Dr. Reuter und dessen Gattin Herta gefahren und ein Paket vom Alten abgegeben. Auf der Transport-Kommandantur den Alten getroffen.

Vom 7. 3. bis bis 8. 3. 44 in Garmisch-Partenkirchen verbracht. Mit dem Spiess herumgezogen und uns gut unterhalten. Um 9 Uhr vorm. am 10. 3. 44 nach Rosenheim gefahren, da der Zug entlaust und desinfiziert wurde.

Am 11. 3. 44 bin ich mit Hans Zloch zum Bahnhof gegangen, um den Zug nach Wien zu erreichen. Um 12 Uhr 30 fuhr der Zug in Wien Westbahnhof ein. Kein Mensch konnte uns erwarten, da niemand wusste, dass wir kommen. Endlich konnten wir unseren Urlaub antreten.